Ode an die Fußball Manager

Seit “Hattrick” von 1994 war es um mich geschehen. Ich baute mir eine Parallelwelt als Fußballmanager. Es waren immer schon polarisierende Spiele. Entweder du hast dich nicht die Bohne für sie interessiert, oder sie haben dich aufgefressen. Es war keine schnelle Spaßbefriedigung. Es waren Geschichten über lange Zeit, die man damit erleben konnte.

Als ich etwa 12 war, besaßen wir für mehrere Monate keinen funktionierenden PC-Monitor. Ich habe völlig auf Turkey ein alternatives Managerspiel mit Block, Stift und Würfelbecher entwickelt. Papier für Terminkalender, Aufstellungstabellen und Spielberichte. Zwei Würfel, um die Ergebniswahrscheinlichkeiten gegeneinander auszuspielen. Irgendwann fand meine Mutter ein Schreiben, das ich als Präsident des FC Pommern an den Bürgermeister der Stadt verfasst hatte und in dem ich ihn um finanzielle Unterstützung zum nötigen Ausbau des Stadions der Freundschaft bat. Sie fragte mich, was zur Hölle ich da treibe.

Später schuf ich einen imaginären Staat auf der Fläche des Baltikums: Marland. Ich baute seine Städte in Sim City und legte eigene Fußball-Ligen im Anstoß 3-Editor an, entwarf die Stadien in mehreren Skizzen aus allen Perspektiven und holte mir die nötigen Spielernamen aus den Todesanzeigen der Ostsee Zeitung. Das Alter diente als zufälliger Wert der Stärkepunkte. Ich hatte eine Liga der toten Stralsunder.

Im Jahr 2013 haben EA Sports und Bright Future ihre marktführende Fußball Manager-Reihe eingestampft. Man befürchte, “dass solch ein Manager-Spiel nur ein sehr eingeschränktes Marktumfeld hätte und der generelle Trend sowieso in Richtung ‘Online und Mobile’ gehen würde.”

Mit anderen Worten: Die heutige, klassische Zielgruppe des Fußball Managers ist überfordert mit der Spieltiefe einer Manager-Simulation. Die Generation Angry Birds & Candycrush ist zu doof, sich länger als 15 Minuten mit einem Computerspiel zu beschäftigen. bento, übernehmen Sie.

Maas macht einen arroganten Witz auf unsere Kosten

Bundesjustizminister Heiko Maas hält die heute beschlossene Vorratsdatenspeicherung für “einen Eingriff in die informationelle Selbstbestimmung, aber in verhältnismäßigem Maße”.

Was ist ein verhältnismäßiges Maß? Das ist die Schaffung eines Scheinarguments mittels sprachlicher Verschwurbelung. Alles ist irgendwie in einem verhältnismäßigen Maße, das ist aber keine qualitative Aussage, sondern eine Tautologie. Der Satz verpufft im Nichts, ähnlich wie die Forderung, Grundrechte sollten “nach Maßgabe der Möglichkeiten” gelten.

Wenn wir alle irgendwo als Batterie dahinvegetieren, während uns die “Realität” von einer einst selbst geschaffenen künstlichen Intelligenz ins Hirn gegaukelt wird, ist so ein bisschen Überwachung jetzt auch in verhältnismäßigem Maße kein Weltuntergang.

“In verhältnismäßigem Maße” heißt nichts anderes als “relativ”. Maas sagt hier nichts anderes, als dass die Vorratsdatenspeicherung “relativ” vertretbare Einschränkungen mit sich bringen wird. Das noch perfidere daran ist die ironische Konnotation des “relativ”. Ich war gestern relativ betrunken. Deutschland hat relativ deutlich gegen Brasilien gewonnen. Beckenbauer sitzt relativ in der Scheiße. Maas macht einen arroganten Witz auf unsere Kosten.

Über Politikgeschmack

Ich war 13, machte Urlaub mit Verwandten in Dänemark und nutzte jede Gelegenheit, unser Ferienhaus mit Pearl Jam Tapes zu beschallen. Nach einigen Tagen fragte mich eine entfernte Großtante, woher ich denn eigentlich diese Musik kenne, im Radio käme sowas ja nicht.

Ich kannte die Band von meiner 10 Jahre älteren Schwester. Andere Musik kannte ich durch Freunde, und ebenso verteilte ich einige Zeit später Daten-CDs mit spannenden Alben in meinem Freundeskreis. Musikgeschmack ist abhängig von Input. Und ich glaube, politische Weltbilder sind auch nichts anderes als ebendies: Geschmack, der sich durch soziale Einflüsse festigt.

In meiner Heimatstadt hingen die NPD-Plakate auf Kopfhöhe und ich kannte dort nur einen einzigen Menschen mit Migrationshintergrund. Das ist kein Zufall. Die Chancen stehen schlecht ein tolerantes Weltbild zu entwickeln, wenn Opi den Holocaust herunterspielt, Papi über Türken schimpft und die Gleichaltrigen die “Neger” der gegnerischen Mannschaften im Ostseestadion beschimpfen, man selbst jedoch nie in Kontakt mit Menschen anderer Herkunft kommt.

Die Chancen stehen genauso schlecht, Sigur Rós nicht für Glockenspiel mit Walgesang zu halten oder Tools Songstrukturen zu verstehen, wenn man musikalisch durch die Charts sozialisiert wird und sonst niemanden hat, der einem mal Pink Floyd vorspielt. Natürlich hinkt der Vergleich, weil Musikgeschmack um Himmels Willen nichts mit einem normativen Anspruch zu tun hat. Der normative Anspruch beim Politikgeschmack tritt aber dann zu Tage, sobald die humanitären Normen und Werte unserer Gesellschaft attackiert, mehr noch, gänzlich missachtet werden.

Das grundlegende Problem hierbei ist, dass sich die Medienlandschaft und die Politik weitestgehend wie die Musikindustrie verhalten. Radiosender verlieren Hörer, wenn sie von ihrem Einheitsbrei abweichen. Labels machen weniger Profit, wenn sie aufhören, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu promoten. Und die Klatschpresse macht weniger Absatz, analog wie digital, wenn sie differenzierter berichtet, statt den Kleinbürger mit der nächsten hetzerischen Headline genau in seiner Lebenswelt abzuholen.

Die Charts bilden ab, was sich verkauft, und die Menschen kaufen, was die Charts abbilden, weil sie nichts anderes kennen. Damit die Industrie Geld verdient, wird immer mehr produziert, was den Charakteristika der Charts entspricht, die Folge ist eine qualitativ negative Rückkopplung. Medien und Politik dürfen nicht denselben Fehler begehen, sind aber auf dem besten Weg dorthin.

Wir erleben kein Aufkeimen des Rassismus, wir bekommen ihn nur erstmals dank Web 2.0 ungefiltert mit. Das ist einerseits ein Segen, denn nie in der Geschichte existierte ein umfassenderes Stimmungsbarometer des Volkes. Andererseits erleben wir mit aller Wucht die Gefahren der gezielten Koordination Gleichgesinnter. Diese Gleichgesinnten wollen keine Flashmobs veranstalten, Geheimdokumente veröffentlichen oder Diktaturen stürzen. Sie wollen Gewalt an Unschuldigen ausüben.

Es ist ein Problem, dass eine breite Masse in diesem Land unverhohlen rassistische Äußerungen von sich gibt, und zwar mit einer Selbstverständlichkeit, als würde man sich über das Wetter beschweren.

Es ist, quasi auf der Metaebene ganz hinten rechts, genau so ein Problem, dass eine breite Masse in diesem Land so unzufrieden ist und so bis zum Hals voll mit überschüssiger Aggression, dass sie ihrem Ärger in einem solchen Umfang Luft machen muss. Die menschenverachtenden Inhalte mal ganz außen vor: Es geht “uns” nicht gut, und zwar flächendeckend. Die Asylantenheime vor der Haustür sind hier nur der Trigger für eine viel tiefer liegende Depression der Masse.

Das größte Problem jedoch ist, dass diesen Leuten nicht beizukommen ist. Intoleranz mit Intoleranz zu bekämpfen ist schon rein auf logischer Ebene unmöglich und disqualifiziert die edlen Unternehmungen des linken Randes seit jeher. Der andere Weg, nämlich den Dialog zu suchen und Rassisten mit Argumenten zu begegnen, ist in etwa so sinnvoll, wie David Guetta-Fans musikwissenschaftlich zu erläutern, warum dieser keinen ernstzunehmenden Techno produziert.

Rein kommunikationswissenschaftlich ist der erste Schritt einer Diskussion die Anerkennung des Standpunkts des Andern. Solange jedoch nicht Menschen mit Menschen, sondern “Gutmenschen” mit “Nazis” reden, sind alle Parteien schon beleidigt, bevor überhaupt das erste Argument ausgetauscht wurde.

Helene Fischer ist musikalischer Populismus. Das geht ins Ohr, da schunkelt man mit. Das Argument, Helene Fischer sei musikalisch gesehen absoluter Schrott, empfinden ihre Fans noch nicht einmal als Affront. Schlimmer noch: Sie nehmen es überhaupt nicht als Argument an, da sie in diesen Kategorien gar nicht denken. Ähnlich verhält es sich mit Rassisten. Jemandem, der menschenverachtendes Gedankengut in sich trägt, zu sagen, er sei menschenverachtend, verpufft sofort im Nichts. Das Argument als solches erreicht ihn gar nicht erst. Genauso wenig, wie es mich als Atheisten erreichen würde, wenn mich jemand als “Ungläubigen” bezeichnet. So what?

Man kann über Helene Fischer ebenso wie über die mangelhafte Orthographie besorgter Facebookuser spotten, sie wird trotzdem weiterhin das Olympiastadion füllen und letztere vielleicht auch irgendwann. Statt also ihren Fans wutentbrannt irgendwelche Jazzplatten an den Kopf zu werfen, sollte man lieber mal überlegen, wo man sie musikalisch abholen könnte, um ihnen die unendliche Bandbreite des guten Pop schmackhaft zu machen. Die Chancen stehen ungleich besser, damit jemandem die Augen zu öffnen, als stur auf der Überlegenheit des eigenen Geschmacks herumzureiten.

Ich würde gern weiterhin Daten-CDs mit spannenden Alben verteilen, wie damals auf dem Schulhof. Die Voraussetzung jedoch, dass diese Alben nicht ungehört im Müll landen, kann nur Sensibilisierung durch das Radio schaffen. Dabei sind vor allem diejenigen in der Pflicht, die ein wirtschaftliches Interesse daran haben, was dort gespielt wird. Und sich nicht nur in einer überfälligen Pressekonferenz “beschämt” zeigen, dass Helene das Olympiastadion füllte, sondern vielleicht mal dafür sorgen, dass sich dieser schlechte Geschmack gar nicht erst herausbilden kann.

Tweets des Monats Mai

Ein sehr spektakulärer Monat, finde ich. Über Maren Würitz lach ich mich immer noch tot und der Heiko Maas-Tweet war Ausgangspunkt eines tagelangen, grandiosen Flashmobs. (Nicht zu vergessen die Erkenntnis, dass Tom van Orten die coolste Socke des Planeten ist.)

Der schwarze Mann auf dem Parkplatz

Im Lidl war ein großer schwarzer Mann mit seiner Tochter auf dem Arm. Er hatte Dreadlocks und riesige, leuchtend weiße, freundlichen Augen, in die ich blickte, als ich lächelnd an ihm vorbeiging, denn ich war fasziniert von seiner Ausstrahlung. Dass diese für ihn wenig später zum Nachteil werden würde, kam mir in diesem Moment nicht in den Sinn.

Als ich an der Kasse stand, war er bereits draußen auf dem recht leeren Parkplatz, verdeckt von einem freistehenden Auto, hinter dem sein Kind offenbar etwas auf der Erde gefunden hatte, so dass er längere Zeit stehen blieb, dabei den Blick nach unten gerichtet.

Die Frau vor mir sagte etwas zur Kassiererin und deutete nach draußen. Diese verließ ihren Platz, gab der Kollegin an Kasse 2 Bescheid und ging nach draußen, um nach dem Rechten zu sehen. “Naja, wenn der da einfach so rumsteht” hörte ich, allgemeines Gemurmel, “Auto”.

Er bemerkte offenbar, dass ihn die gesamten 3 Kassenschlagen hinter der Fensterfront anstarrten, sah, wie eine Angestellte zur Tür herauskam, in seine Richtung. Er nahm sein Kind an die Hand und ging.

“Ach”. Gemurmel. “Kind”. Erleichtertes “Haha”.

In der Zwischenzeit war ich an der Reihe und sprach die Kassiererin an, als sie zurückkam, was denn da jetzt das Problem gewesen wäre.

“Naja, das Kind hat man halt nicht gesehen!”

“Was hätte er denn da machen sollen?”

“Na die Kundin hat mir halt Bescheid gesagt. Und wenn der da einfach so hinterm Auto steht …”

“Wärst du auch rausgekommen, wenn z.B. ich da gestanden hätte?”

“Na das hat doch damit nichts zu tun. Ich bin selbst nicht richtig deutsch” berlinerte es mir entgegen.

“Ich denke schon, dass das etwas damit zu tun hat.”

“Das dürfen Sie sehen, wie Sie wollen. Kassenbon?”

Als ich hinausging fragte ich besagte Kundin, die gerade dabei war, ihren Einkauf in Beutel zu sortieren, was denn da los gewesen sei.

“Der stand da einfach so die ganze Zeit und hat irgendwas an dem Auto gemacht.”

“Hättest du auch was gesagt, wenn ich da gestanden hätte?” wiederholte ich die Frage.

“Ja klar. Wenn das mein Auto gewesen wär und da steht einer, hätt ich da glaub ich Angst gehabt!”

Ich glaubte ihr nicht und ging. Als ich mein Rad abschloss, stellte sie mich noch mal zur Rede:

“Entschuldigung? Wollten Sie mir da gerade irgendwas vorwerfen wegen der Hautfarbe?”

“Nein, das war kein persönlicher Angriff, ich fand nur …”

“Wissen Sie woher ich komme? Würden Sie mir das ansehen? …”

“Es ist mir herzlich egal, woher Sie kommen. Ich fand die Situation nur in keinster Weise verdächtig und habe mich einfach gewundert.”

“Ich fand sie schon verdächtig.”

“Dann haben wir das unterschiedlich wahrgenommen.”

“Ja, haben wir wohl.”

Ich bin nicht offensiv geworden, habe ihr nicht gesagt, dass sie wegen ihres Migrationshintergrundes keinen Freifahrtschein für hautfarbebedingten Alltagsrassismus hat. Habe ihr nicht gesagt, dass sie Schwachsinn erzählt und sie diesen Menschen ganz selbstverständlich unter Generalverdacht gestellt hat. Weil ihre etwa 2-jährige Tochter im Einkaufswagen saß, an dem sie sich während der Unterhaltung festhielt. Ich wollte dem Kind nicht noch mehr mieses Verhalten vorleben, als es ihre Mutter gerade sowieso schon tat, ohne dass es von beiden als sonderlich mies wahrgenommen wurde. Vielleicht sind beide Kinder ja mal in der selben Kita-Gruppe oder Schulklasse und werden Freunde, wenn Mami nichts dagegen hat.

Kleinigkeiten

Alter PVC-Belag aus braunen Quadraten, voneinander durch stilisierte weiße Fugen getrennt. Stellen, an denen sich die derbe Folie vom darunterliegenden Beton gelöst hat, wo sie Luftblasen bildet, die nachgeben, wenn man sie betritt und sich wieder in ihre Ausgangsposition zurückwölben, alsbald man den Fuß vom Boden nimmt.

Auf ein Fahrrad steigen und treten, die Pedale jedoch für den Bruchteil einer Sekunde im Leerlauf bewegen, ohne Widerstand, bis die etwas zu locker sitzende Kette spannt und geräuschvoll knackt.

Eine Straße nach einem Sommerregen, viel dunkler als sonst, der Geruch von nassem Asphalt. Geballte Assoziationen an unbestimmte Erinnerungen. Gefühle ohne Inhalt aus einer Zeit, die nicht mehr zählt.

Der plötzliche Auftritt einer Idee, nicht von außen, aber auch nicht von innen, denn sie war vorher nicht da. Was ist Schöpfung?

Der Moment des Einschlafens, wenn sich die Zunge vom Gaumen löst, die Augen ganz tief in den Schädel fallen und man der Umklammerung des Bewusstseins langsam entgleitet.

Tweets des Monats April

Über Boshaftigkeit

Besuch kündigte sich an. Er schaute auf die Uhr.

Einundzwanziguhrdreiunddreißig.

Zögernd griff er zum Staubsauger, schloss ihn an und begann sich über die Staubflusen her zu machen, die sich in den letzten paar Tagen gebildet hatten. Einige Minuten später schrillte die Türklingel durch das monotone Gebläse hindurch:

“Guten Abend” sagte eine ältere Dame mit mehrfarbiger Kurzhaarfrisur.

“Oh, sorry, ist es zu …? Ich bekomme gleich, also, es tut mir leid, -”

“Ja, ich wollte sie nur darum bitten, mit dem Staub… -”

“Sorry, ich weiß, ich bekomme gleich Besuch und, naja, nicht dass sie denken ich hätte aus Boshaftigkeit oder so -”

“Wieso sollten sie denn aus Boshaftigkeit Staubsaugen?”

“Nein, das tu ich ja nicht, ich bekomme gleich Besu-”

“Sie ziehen diese Option also ernsthaft in Betracht, rein aus Boshaftigkeit um halb zehn nachts -”

“Nein nein nein! Hörn Sie doch! Ich sauge eben NICHT aus Bos-”

“Aber wie kommen Sie denn dann dazu, mir hier ins Gesicht zu sagen, dass Sie ja auch aus Boshaftigkeit saugen könnt-”

“Das tu ich ja gerade NICHT!!”

“Und jetzt auch noch die Dreistigkeit mich hier im Flur anzuschreien!”

“WAS?!”

“ALSO JUNGER MANN!”

Er schmiss ihr die Tür vor der Nase zu und saugte den Rest der Wohnung aus Boshaftigkeit weiter.

Prenzlauer Allee

Man soll den Wandel der Stadt ja nicht von vornherein schlechtreden. Heute beispielsweise stand ich vorm Lidl in der Prenzlauer Allee, unweit des S-Bahnhofs, neben Robben & Wientjes, außerhalb des Rings. Mir ist eingefallen, dass ich da schon mal vor nicht wenigen Jahren war, irgendwann Mitte der Nuller. Ich besuchte einen Kumpel und wir holten dort Bier. Es gab Security-Personal. Ich fühlte mich wie in einem Brennpunkt-Supermarkt. Heute fahr ich da fast täglich vorbei und genieße die ruhige Randlage im sonst kinderwagenüberfüllten Smoothiebezirk.

Ein paar hundert Meter weiter steht das Planetarium, das nachts normalerweise in stimmungsvollem Blau erleuchtet wird. Es sieht gerade so aus:

planetarium

Was zur Hölle, Prenzlauer Berg. Was zur Hölle, Berlin. Ich habe lange überlegt, ob ich dieses Foto posten und damit dem Ziel der Kampagne in die Karten spielen soll. Aber ich muss das mal los werden: Können wir bitte alle mal wieder runterkommen? Können wir der Werbung mal Einhalt gebieten? Eine Bildungsinstitution als überdimensionierte Werbebande für einen Junkfoodlieferservice? Was zur Hölle.

High-Deck-Siedlung

Wenn man die Sonnenallee über die Ringbahn hinaus weiter fährt, etwa eineinhalb Kilometer hinterm Estrel (welches glaube ich in den 90’ern immer mal als Zwischendurch-Luftaufnahme bei GZSZ eingeblendet wurde, aber ich bin mir da nicht so sicher), dann gelangt man an ein Einkaufszentrum, das sich im 70’er-Plattenbaulook Westberlins wie ein Triumphbogen des sozialen Wohnungsbaus über die große Ausfallstraße zieht. Durchquert man dieses Tor, befindet man sich in der “High-Deck-Siedlung”.

Etwa zur Hälfte direkt am ehemaligen Mauerstreifen gelegen, nutzte man hier die ruhige Schrebergarten-Grenzlage, um modernen Wohnraum für das immer mehr verfallende Neukölln zu schaffen. Man wollte jedoch keine weitere Schlafstadt wie das Märkische Viertel oder Gropiusstadt, also setzte sich ein eher innovativer Entwurf durch, welcher die Fußgänger- und Straßenebene des Viertels komplett voneinander zu trennen suchte, um einen kinderfreundlichen, verkehrsberuhigten, aber dennoch dicht besiedelten Kiez für etwa 4.000 Menschen zu schaffen. Dazu in Nord-Süd-Ausrichtung, um perfekte Belichtung für alle Wohneinheiten zu gewähleisten … alles in allem beinahe etwas Star Trek-mäßig.

Zwei Dinge sind passiert: Die Budgetbegrenzungen des sozialen Wohnungsbaus kappten die ursprünglichen Planungen. Die Architekten mussten das zentrale Element ihres Entwurfs – die zweite Fußgänger-Ebene – erheblich beschneiden. So sind keine dicht begrünten Begegnungsstätten, sondern schmale Brücken entstanden, die dich vermutlich eher treiben, den Hausschlüssel in der Hosentasche fest umklammernd, statt sich ernsthaft dort aufzuhalten.

Zum Zweiten fiel die Mauer, die Sackgasse Sonnenallee wurde zur stark befahrenden Verkehrsachse und die vielen Bewohner, die wegen der ruhigen Lage hier herzogen (O-Ton: “Wenn schon Neukölln, dann High-Deck-Siedlung!”), verließen das Viertel und machten Platz für sozial schwächere Migranten. Das Projekt gilt seit langem als gescheitert und besitzt Brennpunktstatus. Vor 8 Jahren betrug der Anteil deutscher Kinder in der dritten Klasse der quartiereigenen Grundschule 4%. Also eins, vielleicht zwei.

Hinter einem kleinen, vor sich hin sumpfenden Wassergraben und einem schmalen Park – dem ehemaligen Todesstreifen der innerdeutschen Grenze – stehen vis-à-vis die Ostplatten vom Baumschulenweg. Dort sitzen Hartz-IV-Empfänger ohne Migrationshintergrund hinter ihren Spitzegardinen und schüren ihre Ressentiments, die sich einzig auf die Angst gründen, dass vielleicht doch alle gleich sein könnten.

%d bloggers like this: