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Fangt an aufzuräumen mit der Mehrheitsillusion der Dumpfen, es wird notwendig.

“Ah, vier deutsche Kerle.”
Wir standen auf der Schönhauser Allee und machten eine Raucherpause. Der Typ hörte aus 3 Metern Entfernung, dass es grob um Köln ging.
“Richtige Prachtexemplare! Die sich locker von zwei Türken verprügeln lassen würden! Die Mädels vergewaltigen se nur, die Kerle stechen se ab. Schon bei nem Kampfkurs angemeldet? Ihr habt ja überhaupt keine Ahnung, was da noch auf uns zu kommt!”

Wir standen einer wandelnden Kommentarspalte gegenüber. Die virtuelle Scheiße hatte sich materialisiert. Diese “Phase”, dieser Zustand da im Netz, der steht mittlerweile auf der Straße und quatscht dich ungefragt voll.

Wir haben das Internet verloren. Einst Rückzugsort für Ausgleich durch Unsinn, hat es sich in kurzer Zeit radikal politisiert – und die Lauten haben gewonnen. Das ist genau der Prozess, der jetzt mit Verzögerung in die Gesellschaft drängt. (Ich erinnere mich übrigens noch an Zeiten, in denen Pegida-Märsche der Gegenkundgebung zahlenmäßig unterlegen waren.)

Man hat sich das jetzt ne ganze Weile angeschaut. Ich sehe da aber mittlerweile einen so großen Haufen Scheiße auf uns zukommen, dass man sich mal um Lösungsansätze Gedanken machen muss. “Wir müssen jetzt mal dagegensteuern!” liest man allerorten, aber kein “Wie”, und das regt mich auf in diesen vernetzten Zeiten.

Ein erster und möglicherweise satzentscheidender Schritt wäre die Wiedereroberung des Internets. Die gefährlichste Waffe der Verblödung ist die Filterblase, und die gilt es zum Platzen zu bringen. Wir haben (nicht erst) im letzten Jahr gelernt, dass Argumente keine Kommentarspalten gewinnen können. Aber es geht um die Präsenz.

„Wenn wir Öffentlichkeit sich selbst überlassen, dann wird diese häufig ausgrenzend und zerfällt in Fragmente. Wenn zueinander in Opposition stehende Seiten sich nicht mehr zuhören wollen, nicht mehr aufeinander reagieren, sondern bloß noch Identifikation durch Abgrenzung schaffen und in ihren Thesen verharren, dann findet eine Spaltung der Öffentlichkeit statt und Fronten verhärten sich. An einem gewissen Punkt beginnen die Leute, eigene Subgesellschaften in der Öffentlichkeit zu bilden, in der sie sicher sein können, dass keiner ihnen widerspricht.“
(http://www.carta.info/77196/filter-bubble-und-propaganda-wie-wir-mit-nachrichten-besser-umgehen-sollten/)

Die Hetzer haben ihre Filterblase mittlerweile so aufgepumpt, dass sie ins “neutrale” Netz gedrungen ist. In einem Maße, dass sich große Onlinemedien längst dazu entschlossen, ihre Kommentarbereiche teilweise zu deaktivieren. Wer sich auch außerhalb seiner Filterblase im öffentlichen Raum “Internet” ideologisch in der Mehrzahl fühlt, der unterliegt der Mehrheitsillusion. Das, was maßgeblich dazu beitrug, die Menschen im Arabischen Frühling auf die Straße zu bringen, sorgt in Deutschland für einen historischen Rechtsruck.

Auf der Magisterverleihung der Philosophischen Fakultät hielt der Dekan eine pathetische Rede. “Wir” hätten die eigentliche Verantwortung als impulsgebende Elemente der Gesellschaft. Kam mir in letzter Zeit häufiger in den Sinn. Ich sehe Resignation bei denen, die zu reflektieren in der Lage sind, sich gerade deshalb aber hauptsächlich mit sich selbst beschäftigen. Die Beobachterposition ist eine bequeme, aber mittlerweile nicht mehr die intelligenteste. Fangt an aufzuräumen mit der Mehrheitsillusion der Dumpfen, es wird notwendig.

Hinter dem Kampfsporttypen von der Schönhauser, an der Wand, prangte übrigens ein “STOPPT DEN RECHTEN MOB!”-Schriftzug, der 2015 noch nicht da war. Die Antifaschisten sind längst sensibilisiert, jetzt geht’s ums rationale Volk, verdammt.

Über Humor

Wenn wir lachen, egal worüber, so sind wir für einen Augenblick über jede Sinnlosigkeit erhaben. Vielleicht bietet Humor kurze Einblicke in die tiefe Gewissheit, dass jeder Sinn wertlos ist, an den wir uns sonst so verzweifelt klammern. Wenn wir Freude, Trauer oder Wut empfinden, so beziehen wir uns damit direkt auf etwas, projizieren unsere Gemütsregung auf eine bestimmte Wahrnehmung oder Erkenntnis. Der Humor aber bezieht sich auf die völlige Absurdität des Seins und wenn wir lachen, dann erkennen wir für einen kurzen Moment an, dass es so etwas wie das Nichts gibt, mehr noch, wir verschmelzen sogar mit ihm. Ich find das lustig.

Frage am Rande

Wer redet eigentlich gerade in Deinem Kopf, wenn Du diese Zeilen hier liest? Deine eigene Stimme? Oder versuchst Du unterbewusst, Dir meine Stimme vorzustellen? Welches Geschlecht hat sie? Oder ist die abstrakte Vorstellung einer Stimme in Deinem Kopf beim Lesen, dieses tonlose Geräusch, weder meine noch Deine sondern einfach ein Allgemeinplatz für Sprache an sich? Quasi ein Durchschnitt Deiner Erinnerung von “Stimme”? Kann man das überhaupt herausfinden, indem man bewusst darüber nachdenkt, sein Augenmerkt darauf richtet? Stell Dir diesen Satz mal mit der Synchronstimme von Bruce Willis vor. Und jetzt nicht mehr. Wer spricht jetzt?

Die Fremdheit des Andern ist ein Ärgernis

Als beim Erntedankfest in der Grundschule die Eier aufgrund eines Mehrheitsbeschlusses hart gekocht wurden, obwohl ich sie schon immer mittelweich präferierte, wurde mir erstmals eine wichtige Erkenntnis bewusst, die sich bis heute wie kaum eine weitere durch mein Leben zieht:

Die Fremdheit des Andern ist ein Ärgernis.

Diese Kompromisse im täglichen Umgang mit Menschen fressen stets einen Großteil meiner Lebensenergie. Vielleicht sind es also gar nicht solch abstrakte Konstrukte wie Sympathie oder Liebe, aufgrund derer wir unser näheres soziales Umfeld auswählen. Vielleicht handelt es sich schlicht um eine Selbstschutzreaktion des Körpers, sich tunlichst von Menschen fern zu halten, die die Klopapierrolle falsch herum aufhängen oder Sachen wie “ebend” sagen.

Ist das Internet ein Massenmedium?

Die Einordnung des Internets als Massenmedium gestaltet sich schwieriger, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Schon das Fernsehen büßte gegenüber dem Kino eine bestimmte Komponente der Massenhaftigkeit ein: den “Konsum der Massenware durch eine Masse”, denn “durch die Massenproduktion der Empfangsgeräte” war “der kollektive Konsum überflüssig geworden”.[1] Das Gemeinschaftserlebnis fiel weg, der Konsum der Massenware “Fernsehen” geschah allein oder im kleineren Kreis.

Die Nutzungsweise der Inhalte des Internets hat eine weitere Abschwächung des Massencharakters zur Folge: Nicht nur der Konsum durch die Masse, auch die Massenware an sich erfährt eine Aufsplitterung in individuelle Einzelinhalte, welche sich jeder Nutzer selbst einholt beziehungsweise überhaupt erst selbst produziert. Es wird keine Massenware gesendet, die Ware ist in Masse vorhanden und wird vom Nutzer in Eigeninitiative in Anspruch genommen. Jürgen Habermas erkennt ein wesentliches Moment von Massenkultur darin,

[…] daß ihr erweiterter Umsatz durch Anpassung an die Entspannungs- und Unterhaltungsbedürfnisse von Verbrauchergruppen mit relativ niedrigem Bildungsstandard erzielt wird, anstatt umgekehrt das erweiterte Publikum zu einer in ihrer Substanz unversehrten Kultur heranzubilden.[2]

Was der Soziologe und Philosoph hier in verklausuliertem Akademikerdeutsch sagen will, ist, dass Fernsehen verblödet. Den neuen, größeren Empfängerkreisen wird kein kultureller Inhalt geboten, sondern umgekehrt, aufgrund des Bildungsdurchschnitts der Masse, des Bedürfnisses nach Zerstreuung und nicht zuletzt aus wirtschaftlichem Interesse wird der Konsument mit Müll gefüttert.

Die im Zeitalter des Massenmediums Fernsehen verbreiteten massenkulturellen Inhalte, die Habermas hier beschreibt, verlieren ihre Monopolstellung im digitalen Zeitalter. Anpassung von Inhalten findet in dem Maße nicht mehr statt, weil sie in unbegrenzter Menge und dementsprechend in allen erdenklichen Facetten abrufbar sind. Aufgrund der Fülle an Information und der Wahlfreiheit der Nutzer erscheint der Begriff eines Programms einer Massenkultur im Internet unzutreffend.

In engem Zusammenhang damit stehend ergibt der Begriff des Publikums, bisher stets als Kategorie der Empfänger eines Massenmediums vorausgesetzt, als eine Art Internetpublikum kaum mehr Sinn. Folglich stellt Derrick de Kerckhove fest, dass das Fernsehen “die letzte Stufe in der Evolution frontaler und theoretisierender Medien war”[3]. Das Internet ist demgegenüber durch Mitwirkung, Interaktivität und Vernetzung geprägt. Der Nutzer gestaltet aktiv mit anstatt passiv zu konsumieren, als gleichzeitiger Konsument und Produzent wird er zum Prosument[4]. So schreibt de Kerckhove:

Die Hauptaufgabe des Computers besteht darin, die undefinierbare Masse in verschiedene, miteinander vernetzte Interessengruppen aufzuteilen. […] Der “Geschwindigkeitsmensch” löst sich problemlos aus der Masse der Konsumenten und wird zum Produzenten. Er rekonstruiert sich in Kleingruppen, die sich über miteinander verschaltete Computer […] auf dem laufenden halten.[5]

Das Internet als Massenmedium in eine Reihe mit Printmedien, Hörfunk und Fernsehen zu stellen, sozusagen als nächsten Entwicklungsschritt, mutet angesichts dieser Unterschiede anachronistisch an. Seine Struktur zeichnet sich durch “Verfügbarkeit, Aktualität, Kapazität sowie Verknüpfung von Informationen”[6] aus – keines dieser Merkmale ist in vergleichbarem Umfang bei den zahlreichen traditionellen Medien zu finden. Besonders die in der Echtzeit der digitalen Informationsübertragung begründete Aktualität der Inhalte hebt das Internet als Massenmedium von allen anderen ab – es ist stets im Begriff, sich gleichsam selbst zu überholen: “Die permanente Aktualität des Mediums hat unablässige Veralterung des Inhalts zur Folge.”[7] Was man jetzt gerade auf Nachrichtenseiten lesen kann, kommt heute Abend in den Tagesthemen und steht morgen in der Zeitung. Der User wartet nicht, er drückt F5.

Der Publikumsbegriff wurde bereits demontiert, weiterhin fragwürdig in Bezug auf das Internet als Massenmedium ist der Aspekt der Öffentlichkeit. Ein großer Bestandteil der digitalen Vernetzung besteht in privater Korrespondenz, in Nachrichtenverkehr und Austausch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Gerhard Maletzke definiert die Einseitigkeit, also irreversible Rollenverteilung von Sender und Empfänger, als einen entscheidenden Faktor für Massenkommunikation.[8] Diese Bestimmung gilt für die neuen Medien, welche interaktive, interpersonale Kommunikation ermöglichen, als überholt.

Sieht man von anachronistischen Definitionen aus dem Fernsehzeitalter ab, lässt sich das Medium Internet insofern als Massenmedium verstehen, als dass es von stetig wachsenden Teilen der Bevölkerung, also gleichsam massenhaft genutzt wird, zur Kommunikation, Unterhaltung, Bildung und als Informationsquelle, die tief in den Alltag vieler, von de Kerckhove beschriebenen Geschwindigkeitsmenschen hineingreift. Durch seine Omnipräsenz und Abkopplung von einem bestimmten Ort der Empfangsmöglichkeit ist das Internet auf dem Wege, ein einflussreicheres Medium im alltäglichen Zugang zur Welt zu werden als es Print, Funk und Fernsehen zusammengenommen aufgrund ihrer Limitierung von Inhalt und Zugang je vermochten.

In diesem Sinne: Hier ein Video einer süßen Plumploris.


[1] Günther Anders: Die Welt als Phantom und Matrize. Philosophische Betrachtungen über Rundfunk und Fernsehen (1956)

[2] Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft (1962)

[3] Derrick de Kerckhove: Touch versus Vision: Ästhetik neuer Technologien (1993)

[4] Erstmalige Erwähnung des Begriffs bei Alvin Toffler: The Third Wave (1980)

[5] Derrick de Kerckhove: Schriftgeburten (1995)

[6] Beate Hoecker: Mehr Demokratie via Internet? Die Potenziale der digitalen Technik auf dem empirischen Prüfstand (2002)

[7] Herbert Hrachovec: Intimität in der Mailbox (1995)

[8] Siehe Gerhard Maletzke: Psychologie der Massenkommunikation (1963)

Netz und Gewebe – Das Internet und das World Wide Web

Folgendes Bild lässt sich von der Stellung des Menschen in der Gesellschaft – oder von der Gesellschaft als einem Gefüge von Menschen – entwerfen: ein Informationen speicherndes und Informationen erzeugendes Gewebe. In diesem Gewebe, das man sich aus Fäden gewoben vorstellen kann, strömen Informationen. Man kann diese Fäden ‘Kanäle’ oder ‘Medien’ nennen. Weiter stelle man sich vor, daß die Fäden sich auf verschiedene Arten kreuzen und daß sich an solchen Kreuzungen Informationen vermengen und stauen.[1]

Das Bild, welches der Medienphilosoph Vilém Flusser hier von der Gesellschaft und den in ihr verwobenen Menschen und Medien entwirft, lässt sich so oder so ähnlich ebenfalls auf das Medium Internet selbst übertragen. Allein die Bezeichnung World Wide Web trägt dieser Gewebemetapher Rechnung. Doch bemerkenswerterweise werden zwei unterschiedliche Bezeichnungen, Netz und Gewebe, synonym für die Sphäre der digitalen Datentransfers verwendet: Das Internet ist – umgangssprachlich – das World Wide Web. Ein weit verbreiteter Irrtum. World Wide Web bezeichnet lediglich das System der über Browser aus dem Internetabrufbaren Webseitendokumente, welche über so genannte Hyperlinks vernetzt sind. Andere Kommunikationskanäle wie E-Mails, viele IRC-Channels oder Chatclients wie beispielsweise Skype gehören nicht zum WWW, gleichwohl sie ihre Daten über das Internet empfangen und senden. Im allgemeinen Sprachgebrauch allerdings werden häufig Internet und WWW, also Netz und Gewebe, gleichgesetzt.

Wie schon das Wort Text auf die Kunst des Webens zurückgeht (lateinisch texere: weben, flechten), so wird dieser Gewebebegriff im World Wide Web, das in hypertextueller Sprache geschrieben ist (HTML = Hypertext Markup Language), auf die Spitze getrieben. Sprache ist eine Textur, ein Gewebe aus Nomen, Adjektiven, Verben, Präpositionen et cetera. Der Hypertext der Webdokumente zeichnet sich gerade durch seine gewebeartige Struktur aus Querverweisen und Knotenpunkten aus.
Ein Netz, exemplarisch ein Fischernetz oder das Netz eines Fußballtores, ist ein grobmaschiges (wie uns Stefan Kießling zeigte: mitunter zu grob), durchgeplantes Gebilde aus einzelnen Stricken, die gleichmäßig übereinandergelegt an ihren Knotenpunkten verknüpft sind. Ein Gewebe bezeichnet in der Textilindustrie ein Flächengebilde, das aus mindestens zwei rechtwinklig miteinander verkreuzten Fadensystemen besteht, im Grunde also einem Netz nicht unähnlich ist. Doch abgesehen von industriell hergestellten Stoffgeweben, können organische Zellgewebe konfus, ungeplant und wirr erscheinen. Nichtsdestotrotz bilden sie ein stabiles, engmaschiges System. Während das Netz Knotenpunkte miteinander verbindet, hat das Gewebe eher den Anschein einer zusammenhängenden Fläche. Die Stabilität, die dem Netz durch seine durchorganisierten Verknüpfungen gegeben sind, erlangt das Gewebe durch dichte Wucherung und unkontrolliertes Wachstum.
In der Biologie besitzen die Zellen eines Gewebes ähnliche Funktionen und bewerkstelligen so gemeinsam die jeweilige Aufgabe. Auch im Gewebe des World Wide Web sind viele vor allem inhaltlich verwandte Dokumente miteinander verknüpft und bilden einen funktionellen Gesamtzusammenhang. Ähnlich wie Wittgenstein Gewissheiten als ein “System von Annahmen”oder “System unserer Erfahrungssätze”definiert[2], die sich gegenseitig stützen, ergibt sich aus dem Gewebecharakter des World Wide Web ein System von Informationen und Verweisen, die sich aufeinander beziehen. Entsteht ein Loch im Gewebe oder löst sich ein Knotenpunkt im Netz, so verliert das Gesamtkonstrukt nicht seine strukturelle Integrität, sondern wird von den umliegenden Maschen getragen. Analog dazu werden im verzweigten Internet Ausfälle durch umliegende, thematisch-informell verwandte Inhalte kompensiert. Musterbeispiele für dieses Phänomen sind sämtliche semilegalen Downloadangebote, die, sofern von Rechtshütern vom Netz genommen, kaum 24 Stunden später, wenn auch unter (völlig!) anderem Namen, quasi unverändert wieder online gehen. Man erinnere sich an den spektakulären Tod der Filmstreamingseite kino.to und die umgehende Geburt vom quasi identischen kinox.to.

Der Netzcharakter des Internets ist ein dreifacher. Er bezieht sich nicht nur auf die durch Hyperlinks, kurz Links, miteinander verwobenen Dokumente des World Wide Web, sondern auch auf die allgemeine Struktur des Mediums selbst. “Das Internet ist kein radikal neues Medium. Es handelt sich vielmehr um ein digitales Geflecht aus bereits bekannten Medien.”[3]In seiner heutigen Form bietet es eine Vernetzung aus Presse, Radio, Fernsehen, Video, Brief, Telegramm und Telefon. Die Neuheit besteht in seiner extremen Multimedialität, der Verbindung bereits bekannter medialer Erscheinungen. Dabei ergibt sich nicht bloß eine reine Summation, 

[…] sondern vielmehr ein hochkomplexes und äußerst sensibel organisiertes Transmedium, in dem sich Aspekte, die wir bisher getrennten Medienwelten zugeordnet haben, miteinander verflechten und durch eine Vielzahl von kleinen Neuerungen und veränderten Nutzungsformen zum Gesamteindruck eines neuen Mediums verdichten.[4]

Schriftverkehr verliert seine zeitliche Distanz, Telefonie gewinnt die optische Dimension dazu, Presse wird jederzeit zugänglich und lässt sich gezielter durchsuchen und die Elemente von Funk und Fernsehen verlieren ihre zeitliche Bestimmtheit – Sendezeiten werden obsolet, das Internet sendet immer, sofern vom Nutzer abgerufen. Textinhalte werden durch Videoformate ergänzt, Videoinhalte durch Textformate gestützt – das Internet, im Wortsinne als Zwischennetz verstanden, vernetzt Inhalte zwischen den bekannten Medienformaten.

Netzcharakter bezieht sich in einer dritten Hinsicht auch und vor allem auf die Vernetzung der Internetnutzer untereinander. “Die primäre Form des Netzgebrauches ist die elektronische Korrespondenz.”[5]Neben der elektronischen Nachrichtenübertragung, E-Mail, Chat et cetera, werden besonders soziale Netzwerke genutzt, um miteinander zu interagieren, Inhalte weiterzuleiten und sich selbst Anderen mitzuteilen. Dieses von Facebook und Co. geprägte Web 2.0, dieses interaktive Mitmachweb, gilt als neue Entwicklungsstufe des Internets, die die digitale Sphäre zunehmend vereinnahmt. Das Web 2.0 ist gleichsam “die nächste Ausbaustufe einer noch immer erst im Entstehen begriffenen, interaktiven Medienumgebung”[6].
Geschäfte werden über elektronische Korrespondenz abgewickelt, Kontakte geknüpft, private Beziehungen durch digitale Kommunikation erweitert: Man vernetzt sich. Ein charakteristisches Moment dieser Kommunikation in sozialen Netzwerken ist, dass sie nicht zwingend zwischen zwei Personen stattfindet, sondern allgemein offen für alle miteinander vernetzten Mitglieder steht.
“The Internet provides, in principle, a horizontal, non-controlled, relatively cheap, channel of communication, from one-to-one as well as from one-to-many.”[7]
Ob unter Freunden, Followernoder in Circles (obwohl, das zählt nicht, Google Plus nutzt keine Sau), die Kommunikation in sozialen Netzwerken läuft nicht linear, wie etwa noch in der Briefform oder beim Telefonat, sondern ist für alle miteinander verbundenen Netzwerknutzer zugänglich, vergleichbar mit einem öffentlichen Aushang in einer Gemeinde. (Oder einer Klowand. Es gibt Menschen, die behaupten, Twitter sei nichts anderes als eine große, digitale Klowand.)
Durch diesen dritten Netzaspekt des Mediums, die Verbreitung elektronischer Korrespondenzen und Vernetzungen unter Privatleuten, entsteht eine Art vernetzte Öffentlichkeit. Private Nutzer interagieren mit anderen (mehr oder weniger freiwillig), beteiligen sich an Forendiskussionen (mehr oder weniger freundlich),schreiben Statusupdates in Netzwerken (mehr oder weniger sinnvoll) oder publizieren Weblogs (mehr oder weniger lesenswert) und bilden somit in ihrer Gesamtheit eine vernetzte Öffentlichkeit, welche mittlerweile von der (etwas weniger vernetzten) Öffentlichkeit offline nicht mehr zu trennen ist. Das Meinungsklima der Öffentlichkeit wird durch die Verbreitung von Beiträgen Einzelner und Diskussionen Vieler im Internet zunehmend beeinflusst. Es steht außer Frage, dass sich hier gesamtgesellschaftliche Chancen einzigartiger Ausmaße eröffnen. In diesem Sinne, hier ein total süßes Katzenvideo:


[1] Vilém Flusser: Glaubensverlust (1978)
[2] Ludwig Wittgenstein: Über Gewißheit (1970)
[3] Mike Sandbothe: Pragmatische Medienphilosophie. Grundlegung einer neuen Disziplin im Zeitalter des Internet (2001)
[4] Ebenda
[5] Kristóf Nyíri: Vernetztes Wissen. Philosophie im Zeitalter des Internets (2004)
[6] Christoph Bieber: Weblogs, Podcasts und die Architektur der Partizipation (2006)
[7] Manuel Castells: The Politics of the Internet I: Computer Networks, Civil Society, and the State (2001)

Über die Metaphorik des digitalen Zeitalters

Unsere Alltagssprache ist voller toter Metaphern, also Metaphern, deren metaphorischer Charakter nicht mehr im Sprachgebrauch bewusst mitgedacht wird, wie beispielsweise Baumkrone, Tischbein oder Flussarm. So wie häufig abstrakte und kognitive Vorgänge mithilfe von Metaphern aus der physischen Dingwelt beschrieben werden (Entwicklung, Erregung, etwas reflektieren, etwas erfassen et cetera), greift man gleichfalls bei technischen Erfindungen häufig auf metaphorische Bezeichnungen zurück, da für sie die Sprache fehlt. So schreibt Blumenberg:

Für den Dichter und Künstler war schon in der Antike ein Arsenal von Kategorien und Metaphern, bis ins Anekdotische hinab, bereitgestellt worden […]. Für die herankommende technische Welt stand keine Sprache zur Verfügung, und es versammelten sich hier wohl auch kaum die Menschen, die sie hätten schaffen können.

(Hans Blumenberg: Nachahmung der Natur. Zur Vorgeschichte des schöpferischen Menschen, 1957)

In der begrifflichen Welt der neuen, technischen, digitalen Sphäre bedient man sich dementsprechend häufig an Metaphern aus jener Sphäre, welche ihr geschichtlich vorangeht und phänotypisch am ehesten verwandt ist: der Sphäre des gedruckten Wortes. “Ereignisse im Fluß multimedialer Kommunikation werden in der gedruckten Sprache beschrieben” (Kristóf Nyíri: Vernetztes Wissen. Philosophie im Zeitalter des Internets, 2004). Im World Wide Web, dessen Begriff des Gewebes selbst schon eine Metapher darstellt, besucht man Webseiten. Selbst der durch Umblättern geprägte Seitencharakter des Buches bleibt auf einigen Webseiten, vor allem bei längeren Artikeln, der Übersicht halber bestehen. E-Mails (“elektronische Post”), selbst also begrifflich aus dem Briefwesen entlehnt, werden wie eine Postsendung abgeschickt und empfangen. Dabei entfällt allerdings die zeitliche Distanz zwischen Sendung und Ankunft, elektronische Post wird annähernd in Echtzeit übermittelt, wodurch die Begrifflichkeiten abschicken und empfangen beinahe anachronistische Züge aufweisen.
Auf der Benutzeroberfläche des Computers öffnet man Fenster – man schaut im übertragenen Sinne weniger auf die Oberfläche des Monitors, sondern eher durch diese Fenster hindurch auf die bunte digitale Welt, die sich einem gleichsam mit dem Imperativ “Erkunde mich!” ausbreitet. Fenster jedoch haben zwei Seiten, Innen und Außen, und in Hinblick auf die Auswirkungen der digitalen Vernetzung auf die Sphäre der Privatheit lässt sich die polemische Frage aufwerfen, welche Seite des Browserfensters eigentlich die innere und welche die äußere ist, oder anders: wer hier tatsächlich wen beobachtet.
Man registriert sich in Onlinediensten und meldet sich an beziehungsweise ab, vergleichbar mit einer Mitgliedschaft in einem Verein oder dem Besuch einer Veranstaltung. Man schützt sich mit einer Firewall, einer Art Schutzwall, gegen Viren – digitale Krankheitserreger, welche die Software angreifen.
Die Bezeichnungen online und offline sind gleichsam metaphorische Neologismen, die sich einzig auf die Sphäre des Internets beziehen. Abgeleitet von on the line (etwa: in der Leitung) und off the line (etwa: von der Leitung getrennt) bezeichnen sie jeweils den Zustand, mit dem Internet verbunden oder getrennt zu sein. Bedingt durch die Verbreitung von Flatrates, also permanenten Standleitungen ins Internet, sowie durch die technische Entwicklung und Verbreitung internetfähiger Mobiltelefone, sind die auf das Internet bezogenen Wortneuschöpfungen online und offline selbst schon wieder auf dem Wege, obsolet zu werden. Man geht nicht mehr online, man ist online, und zwar immer und überall. Damit verschwindet allmählich die Negation offline und mit ihr auch die Sinnhaftigkeit der Bezeichnung online.

Just another manic Gedankenspiel

Kunst ist ein Medium. 
Kunst ist Vermittlung.
Vermittlung von Inhalt, Aussage, Message. Über den Transportweg des Mediums Kunst.

Vermittlung ist Kunst.
Ein Medium ist Kunst.
Durch den Akt der Vermittlung gerät der Inhalt, die Aussage, zum Kunstprodukt.
Ein Medium ist künstlicher Inhalt. Medien bilden ab, aber sagen nicht aus. 
Vermittelt man sich selbst, wird man unweigerlich zur Kunstfigur.

Versuch eines Weltbilds: Mit Murphy und Hume in der Kassenschlange

Man kann die Bedeutung selektiver Wahrnehmung gar nicht hoch genug einschätzen. Alles, was wir gemeinhin Murphys Law zuschreiben, beruht auf kognitiven Verzerrungen. Schon wieder die Kassenschlange erwischt, die am langsamsten vorankommt. Wie immer! Dass wir die mindestens genauso häufigen Fälle, in denen wir in der “richtigen” Schlange standen, dabei schlicht vergessen, ist uns nicht bewusst. Oh Mann, jedes Mal, wenn ich hier langfahre, steh ich im Stau! Es lassen sich unzählige weitere Beispiele finden.

 

Ich möchte jedoch noch einen immensen Schritt weiter gehen. Verhält es sich nicht mit sämtlichen Formen religiösen Verhaltens genau so? Beruht nicht alles, was wir gemeinhin als Spiritualität bezeichnen, gleichwohl auf selektiver Wahrnehmung?
Im Speziellen spiele ich damit auf diesen Alltagsdeterminismus an, dem wir irgendwie alle zum Opfer fallen. Wir sehen ständig irgendwelche Fügungen, Kausalrelationen und Das-sollte-so-seins, wo eigentlich nur Welt passiert. Und Welt passiert ohne Hintergedanken. Die Fügungen fügen sich erst in unseren Köpfen. Erst, wenn wir einen künstlichen Zusammenhang zwischen einem beliebigen Ereignis und einer “Folge” herstellen können, nennen wir das Fügung, göttliche Vorbestimmung, Masterplan oder sonstwie. Dieser Zufall sticht dann so heraus, dass wir ihn zu einer völlig mit Bedeutungsgehalt überladenen Regel emporheben. (Hume kommt gerade um die Ecke und winkt mit dem Hut.) Dass in den restlichen 99% von Welt keine derartigen Zusammenhänge sichtbar sind, blenden wir dabei aus, denn das passt nicht in das Konzept eines geordneten, auf Ursache, Wirkung und Sinn hin angelegten Lebens.

 

(Und da wären wir dann auch bei Gott, Wundern oder ähnlichem metaphysischen Quark.)
Es ist alles immer nur Zufall. Deal with it.

Flucht nach vorn

Vielleicht ist diese bereitwillige, offensive Zurschaustellung des eigenen Lebens, der eigenen Person und der privatesten Intimsphäre im Internet ja auch nur eine Art Flucht nach vorn, um die eigene Individualität in einer Welt zu wahren, in der der schützende Hort der Privatsphäre eh schon lange aufgebrochen scheint.

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