Archive | Kurzgeschichte RSS for this section

Kontakte.docx

Ich richte mein neues Smartphone ein, sitze hier und tippe Telefonnummern aus einem vorher dafür angefertigten Worddokument ab. Durch die neue SIM-Karte konnte kein Kontakt übernommen werden. Ich stocke bereits beim zweiten Namen, da dieses Gerät nur eine begrenzte Menge Zeichen für einen Telefonbucheintrag zulässt. Stehen bleibt der Nachname “Lieb”, und ich find das hübsch, denke ich, aber der Ärger über diese Form des technischen Downgrades überwiegt.
Beim fünften Eintrag ist die Konzentration dahin, denn zu jedem Namen entspinnt sich eine Geschichte, und jeder neu hinzugefügte Kontakt überlagert die des vorderen nur. Mir wird bewusst, dass ich mich hier heute Abend mit allen Menschen, die ich kenne, beschäftigen werde.
Ich schiebe mittlerweile den blinkenden Word-Cursor in jede neue Zeile, die ich bearbeite, um die wegdenkende Konzentration wenigstens durch die optimierte Mechanik meines Sehapparates zu kompensieren. Dies gelingt so mittel. Der Gedanke kommt, dass ich außerdem gerade meiner neuen Autokorrektur – oder dem Wörterbuch, wie es offenbar mittlerweile heißt – sämtliche Namen meiner Freunde beibringe, für die Zukunft.
Die Autokorrektur, dieser stete Begleiter, den du erziehst, jahrelang, damit er irgendwann so denkt wie du, dabei jedoch nie ganz seinen eigenen Charakter verliert. Im Gegenteil, sogar erst einen eigenen entwickelt, denn du erziehst dieser Tabula Rasa auch Fehler an. Vielleicht das Tamagotchi der heutigen Zeit, vielleicht mehr noch – ein Kind ohne Risiko in der Hosentasche.
Ich kopiere diesen Text jetzt aus der Worddatei ins Internet rein und schenk mir besser einen Whisky ein, bevor ich mit “C” weitermache.
Advertisements

Der schwarze Mann auf dem Parkplatz

Im Lidl war ein großer schwarzer Mann mit seiner Tochter auf dem Arm. Er hatte Dreadlocks und riesige, leuchtend weiße, freundlichen Augen, in die ich blickte, als ich lächelnd an ihm vorbeiging, denn ich war fasziniert von seiner Ausstrahlung. Dass diese für ihn wenig später zum Nachteil werden würde, kam mir in diesem Moment nicht in den Sinn.

Als ich an der Kasse stand, war er bereits draußen auf dem recht leeren Parkplatz, verdeckt von einem freistehenden Auto, hinter dem sein Kind offenbar etwas auf der Erde gefunden hatte, so dass er längere Zeit stehen blieb, dabei den Blick nach unten gerichtet.

Die Frau vor mir sagte etwas zur Kassiererin und deutete nach draußen. Diese verließ ihren Platz, gab der Kollegin an Kasse 2 Bescheid und ging nach draußen, um nach dem Rechten zu sehen. “Naja, wenn der da einfach so rumsteht” hörte ich, allgemeines Gemurmel, “Auto”.

Er bemerkte offenbar, dass ihn die gesamten 3 Kassenschlagen hinter der Fensterfront anstarrten, sah, wie eine Angestellte zur Tür herauskam, in seine Richtung. Er nahm sein Kind an die Hand und ging.

“Ach”. Gemurmel. “Kind”. Erleichtertes “Haha”.

In der Zwischenzeit war ich an der Reihe und sprach die Kassiererin an, als sie zurückkam, was denn da jetzt das Problem gewesen wäre.

“Naja, das Kind hat man halt nicht gesehen!”

“Was hätte er denn da machen sollen?”

“Na die Kundin hat mir halt Bescheid gesagt. Und wenn der da einfach so hinterm Auto steht …”

“Wärst du auch rausgekommen, wenn z.B. ich da gestanden hätte?”

“Na das hat doch damit nichts zu tun. Ich bin selbst nicht richtig deutsch” berlinerte es mir entgegen.

“Ich denke schon, dass das etwas damit zu tun hat.”

“Das dürfen Sie sehen, wie Sie wollen. Kassenbon?”

Als ich hinausging fragte ich besagte Kundin, die gerade dabei war, ihren Einkauf in Beutel zu sortieren, was denn da los gewesen sei.

“Der stand da einfach so die ganze Zeit und hat irgendwas an dem Auto gemacht.”

“Hättest du auch was gesagt, wenn ich da gestanden hätte?” wiederholte ich die Frage.

“Ja klar. Wenn das mein Auto gewesen wär und da steht einer, hätt ich da glaub ich Angst gehabt!”

Ich glaubte ihr nicht und ging. Als ich mein Rad abschloss, stellte sie mich noch mal zur Rede:

“Entschuldigung? Wollten Sie mir da gerade irgendwas vorwerfen wegen der Hautfarbe?”

“Nein, das war kein persönlicher Angriff, ich fand nur …”

“Wissen Sie woher ich komme? Würden Sie mir das ansehen? …”

“Es ist mir herzlich egal, woher Sie kommen. Ich fand die Situation nur in keinster Weise verdächtig und habe mich einfach gewundert.”

“Ich fand sie schon verdächtig.”

“Dann haben wir das unterschiedlich wahrgenommen.”

“Ja, haben wir wohl.”

Ich bin nicht offensiv geworden, habe ihr nicht gesagt, dass sie wegen ihres Migrationshintergrundes keinen Freifahrtschein für hautfarbebedingten Alltagsrassismus hat. Habe ihr nicht gesagt, dass sie Schwachsinn erzählt und sie diesen Menschen ganz selbstverständlich unter Generalverdacht gestellt hat. Weil ihre etwa 2-jährige Tochter im Einkaufswagen saß, an dem sie sich während der Unterhaltung festhielt. Ich wollte dem Kind nicht noch mehr mieses Verhalten vorleben, als es ihre Mutter gerade sowieso schon tat, ohne dass es von beiden als sonderlich mies wahrgenommen wurde. Vielleicht sind beide Kinder ja mal in der selben Kita-Gruppe oder Schulklasse und werden Freunde, wenn Mami nichts dagegen hat.

Kleinigkeiten

Alter PVC-Belag aus braunen Quadraten, voneinander durch stilisierte weiße Fugen getrennt. Stellen, an denen sich die derbe Folie vom darunterliegenden Beton gelöst hat, wo sie Luftblasen bildet, die nachgeben, wenn man sie betritt und sich wieder in ihre Ausgangsposition zurückwölben, alsbald man den Fuß vom Boden nimmt.

Auf ein Fahrrad steigen und treten, die Pedale jedoch für den Bruchteil einer Sekunde im Leerlauf bewegen, ohne Widerstand, bis die etwas zu locker sitzende Kette spannt und geräuschvoll knackt.

Eine Straße nach einem Sommerregen, viel dunkler als sonst, der Geruch von nassem Asphalt. Geballte Assoziationen an unbestimmte Erinnerungen. Gefühle ohne Inhalt aus einer Zeit, die nicht mehr zählt.

Der plötzliche Auftritt einer Idee, nicht von außen, aber auch nicht von innen, denn sie war vorher nicht da. Was ist Schöpfung?

Der Moment des Einschlafens, wenn sich die Zunge vom Gaumen löst, die Augen ganz tief in den Schädel fallen und man der Umklammerung des Bewusstseins langsam entgleitet.

Über Boshaftigkeit

Besuch kündigte sich an. Er schaute auf die Uhr.

Einundzwanziguhrdreiunddreißig.

Zögernd griff er zum Staubsauger, schloss ihn an und begann sich über die Staubflusen her zu machen, die sich in den letzten paar Tagen gebildet hatten. Einige Minuten später schrillte die Türklingel durch das monotone Gebläse hindurch:

“Guten Abend” sagte eine ältere Dame mit mehrfarbiger Kurzhaarfrisur.

“Oh, sorry, ist es zu …? Ich bekomme gleich, also, es tut mir leid, -”

“Ja, ich wollte sie nur darum bitten, mit dem Staub… -”

“Sorry, ich weiß, ich bekomme gleich Besuch und, naja, nicht dass sie denken ich hätte aus Boshaftigkeit oder so -”

“Wieso sollten sie denn aus Boshaftigkeit Staubsaugen?”

“Nein, das tu ich ja nicht, ich bekomme gleich Besu-”

“Sie ziehen diese Option also ernsthaft in Betracht, rein aus Boshaftigkeit um halb zehn nachts -”

“Nein nein nein! Hörn Sie doch! Ich sauge eben NICHT aus Bos-”

“Aber wie kommen Sie denn dann dazu, mir hier ins Gesicht zu sagen, dass Sie ja auch aus Boshaftigkeit saugen könnt-”

“Das tu ich ja gerade NICHT!!”

“Und jetzt auch noch die Dreistigkeit mich hier im Flur anzuschreien!”

“WAS?!”

“ALSO JUNGER MANN!”

Er schmiss ihr die Tür vor der Nase zu und saugte den Rest der Wohnung aus Boshaftigkeit weiter.

Von Käseglocken

“Weißt du, mir ist letztens so eine Metapher in den Sinn gekommen, um verschiedene Menschen zu beschreiben. Ich stell mir das so vor, dass die meisten Leute einfach in ihrer Käseglocke gefangen bleiben und dort nie herauskommen. Dann gibt es manche, die bis an den Rand der Glocke springen können und dann an ihrer Innenseite entlang gleiten. Wieder andere durchbrechen sie und hüpfen auf ihr herum. Sie haben einen tollen Ausblick wenn sie hochspringen, die Käseglocke ist jedoch weiterhin ihr Boden unter den Füßen. Und einige Wenige, du kannst es dir denken, fliegen einfach weg, auf und davon, lassen ihre Käseglocke hinter sich und sind völlig frei. So denk ich mir das.”

“Verstehe. Interessant! Ich glaube, ich bin die Käseglocke.”

“Ich bin der Käse.”

Jennifer Rostock

Ich erzähl ja immer wieder gern die Geschichte, wie die Trulla von Jennifer Rostock damals noch gemeinsam mit ihrem Keyboardsklaven und einem Dutzend Coversongs im Gepäck durch Mecklenburg-Vorpommern tingelte und sich da schon zu fein war, mit den anderen Bands Backstage auch nur ein Wort zu wechseln. Vielleicht gaben wir aber auch ein zu bedrohliches Bild ab, mit den Dreads und alles und dem leeren Bierkasten schon vorm Konzert, denn damals war sie noch ganz adrett, die Jenni, ohne Lederjacke, zerfetzte Leggings und Farbe in den Haaren. Die kamen übrigens von Usedom, nicht aus Rostock, klingt aber halt nicht so geil wenn man M-V beim Raab-Contest vertritt: Jennifer Usedom, das versprüht eher den Charme einer schlecht produzierten Schlagersängerin denn einer super crazy Rockgöre. Zu der Zeit hießen die beiden auch noch anders, irgendwas jugendlich-einfallsloses, ich glaube “Aerials”. Die anderen zusammengecasteten Bandmitglieder kamen auch erst ein paar Jahre später dazu, als sie plötzlich ‘ne hippe Berliner Band waren und auf MTV rauf und runter gespielt wurden. Herzlichen Glückwunsch, ihr habt’s geschafft. Ich hab keine langen Haare mehr, nicht mal mehr ‘ne Band, selbst die E-Gitarren sind verkauft. Ihr glotzt mich heute super ausgeflippt auf Plakaten in Berlin an und spielt in ausverkauften Mensen Deutscher Universitätsstädte. Das freut mich für euch, ich will mir jedoch gar nicht erst ausmalen, ob ihr heute noch mit IRGENDWEM Backstage ein Wort wechselt.

Dorf

Als wir 1996 aufs Dorf zogen, musste eine neue Schulbuslinie von dort zum nächsten Gymnasium eingeführt werden. Die anderen Kinder sahen lustig aus und hatten eine komische Aussprache, aber zum Fußballspielen reichte es. Außerdem grüßte man sich auf der Straße, das fand ich irgendwie hübsch. Man nannte sich gegenseitig beim Nachnamen, nur mich nicht, mein Nachname hatte hier keine Tradition. Nach ein paar Jahren kam das Bier mit zum Bolzen und recht bald beschränkte man sich auf Ersteres. Leerstehende Häuser für Jungsabende mit Mädchen gab es genug. Das erste mal Küssen und das erste mal Kotzen fielen auf ein und denselben Tag. An der freiwilligen Feuerwehr standen die Nazis und soffen Berentzen. Irgendwann fand ich Anschluss bei den Leuten meiner Schule und die Dorfkinder wurden uninteressant. Man grüßte sich trotzdem noch. Meine neuen Freunde wohnten 10 km weiter, in neugebauten Einfamilienhäusern für Städter in einem Straßendorf ohne Kirche. Mein Fahrrad und mein Discman waren mein Zuhause. Man wollte seine Ruhe und bekam zu viel davon. Dorf ist nett bis 6 und ab 60.

Brief aus der Zukunft

Jetzt werden Sie mal nicht ausfällig, wir haben bei uns zu Hause auch seit gestern kein fließendes Wasser mehr. Das liegt wohl nicht mehr in unserem Kompetenzbereich. Eine Mietminderung angesichts der aktuellen Lage zu verlangen, grenzt wohl auch eher an Galgenhumor. Womit wollen sie denn die geminderte Miete bezahlen? Geld?! Gott steh uns bei.

– Die Hausverwaltung

The Sound of Muzac

Ich schiebe meinen Einkaufswagen unmotiviert durch den völlig überdimensionierten Kaufland Heinersdorf, da wo die Flugzeuge zur Landung ansetzen und wo Bruce Springsteen, auf der Rennbahn gleich um die Ecke, 1988 ein Konzert vor einer Viertelmillion DDR-Bürgern gab. Es ist Feierabend-Rushhour und dementsprechend voll, doch wär ich jetzt erst mal nach Hause in den vierten Stock geklettert, hätte ich meinen Arsch abends nicht mehr hoch bekommen und stünde den dritten Morgen in Folge ohne Brot im Haus da. Über die Lautsprecheranlage werden irgendwelche Sonderangebote angepriesen. Die Sprecherin lispelt etwas und sagt ölf statt elf. Danach Musik, irgendwas leicht verdauliches aus dem Radio, das dich einlullen soll, damit du nicht darüber nachdenkst, dass du die ganze Scheiße in deinem Einkaufswagen eigentlich überhaupt nicht gebrauchen kannst. Ich hab das Lied schon mal gehört, es muss auf einer Mitfahrgelegenheit gewesen sein, denn woanders hör ich kein Radio. Es ist eine dieser Popbands, die völlig überproduziert sind und handgemacht klingen sollen, und deren erste und einzige Single so oft gespielt wird, bis irgendwann tatsächlich Menschen anfangen sie zu kaufen. Sie touren dann auch über die großen Festivals im Sommer, spielen irgendwann nachmittags auf der Hauptbühne, in der ersten Reihe stehen dann Mädchen, die sich als Hippies verkleidet haben und klatschen im Takt zu dem einen bekannten Song, der ärgerlicherweise erst ganz am Ende des Konzertes kommt. Es gibt eine Bezeichnung für dieses belanglose Fahrstuhl- und Supermarktgedudel: Muzac. Porcupine Tree haben darüber mal einen Song geschrieben, ein wunderschönes Lied in einem herrlichen 7/4-Takt, darin singt Steven Wilson:

The music of the future
Will not entertain
It’s only meant to repress
And neutralise your brain

Es muss einen Berufszweig geben, der sich mit Muzac beschäftigt. Menschen, die Playlists für Fahrstühle und Geschäfte zusammenstellen. Die dann außerdem ständig die Charts auf Material abklopfen müssen, das nicht zu aufregend für ein ungestörtes Einkauferlebnis ist, dich aber trotzdem so weit pusht, dass du nicht einpennst. Was für eine Horrorvorstellung. Der Typ vor mir an der Kasse sieht aus wie Philipp Lahm ohne Schulabschluss. Ich zahle und schreite Richtung Ausgang, an dem dicke Berliner stehen und dicke Bockwürste in blassen Brötchen in sich reinstopfen. Ein Flugzeug setzt zur Landung an und ich schließe mein Fahrrad ab, hier gleich um die Ecke, wo Bruce Springsteen 1988 ein Konzert vor einer Viertelmillion DDR-Bürgern gab.

Sie hätte besser sein können

Als ich mit meiner Band vor ziemlich genau 10 Jahren eine EP aufnahm und wir sie nach Monaten endlich fertig gestellt hatten, spielte ich sie meinen Eltern vor. Meine Mutter war völlig aus dem Häuschen, wie es eigentlich bei allem war, was ich fabrizierte, es sei denn ich hatte Scheiße gebaut, was sehr selten vorkam, oder besser, was sie sehr selten mitbekam. Mein Vater sagte nichts, das war häufig so, und ich fragte ihn direkt nach seiner Meinung. Die CD sei nicht perfekt, sagte er. Sie hätte an einigen Stellen besser sein können.

Er war nie überkritisch. Er hat nie irgendwelche Ambitionen auf mich projiziert, die er selbst in seinem Leben nicht verwirklicht hatte. Im Gegenteil, er war immer stolz, wie meine Mutter, bei allem, und das wünsche ich jedem Kind. Und doch hatte ich seine Antwort verstanden. Ich war 17, kein Kind mehr, und ich wusste dass er Recht hatte. Und ich verstand, dass er mir mit diesem Urteil einen liebevollen Gefallen tat.

Mir floss immer alles wie von selbst zu. Dass man manchmal mehr investieren muss, um Dinge wirklich gut zu machen, drohte ich zu vergessen. Sie hätte besser sein können. Er hatte mich geerdet.

Diese Erinnerung lief urplötzlich vorhin beim Abwaschen wie ein Film vor meinem Auge ab. Vielleicht, weil ich mit meiner neuen Lebenssituation etwas überfordert bin. Vielleicht, weil ich meinen ersten “echten” Job habe, der nur darauf beruht, dass meine Vorgesetzten viel von mir erwarten, weil sie im Praktikum gesehen haben, dass mir viel wie von selbst zufließt.

Vielleicht hat mein Vater mich gerade liebevoll gewarnt, dass man manchmal mehr investieren muss, um Dinge wirklich gut zu machen.

%d bloggers like this: