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Facebook hasst Fette und frisst kleine Kinder

fett 1

Ich finds mal wieder bemerkenswert, um welche Nichtmeldung hier Trubel gemacht wird.
Erstens: Das Foto wurde nicht gelöscht, auch wenn BILD und viele andere Medien genau auf diesen Zug aufspringen. Facebook lehnte lediglich ab, das Bild mit etwas Budget zu bewerben, um mehr Reichweite zu erlangen. Zensur klingt nur irgendwie geiler als “Facebook weist Page Post Ad Budget zurück”.
Zweitens: Facebook ist ein Fehler unterlaufen und sie haben ihn rückgängig gemacht. Es liegt mir fern, den Verein hier in Schutz zu nehmen, aber ich habe ständig Kontakt zum Support wegen genau solcher Sachen. Jeden Tag werden abertausende Werbeanzeigen geschaltet und irgendein Klickfarmangestellter muss in 1 Sekunde entscheiden, ob das Bild und Wording irgendwelchen Richtlinien entspricht oder nicht. Da geht ständig was schief, das lässt sich aber innerhalb eines Tages durch eine kurze Mail klären, ganz ohne Shitstorm. Ist dann halt nur nicht so öffentlichkeitswirksam.
Der Fehler lag in diesem Fall darin, dass Facebook das Bild und die dazugehörige Veranstaltung in die “Health & Fitness” Ecke schob, wo in der Tat keine Bilder extrem dicker Menschen beworben werden dürfen. Extrem dünner Menschen übrigens auch nicht. Das hat nichts mit Zensur oder irgendeinem amerikansichen Schönheitsideal zu tun, sondern soll all zu reißerisches Marketing für Abnehmprodukte verhindern und sicherstellen, dass den Usern mit irgendwelchen Vorher-Nachher-Bildern und “Bist du zu dick?”-Wording keine schlechte Laune gemacht wird.
Halten wir fest: Das Foto wurde zu keinem Zeitpunkt von Facebook gelöscht. Dass es nicht den Werberichtlinien entspreche, war ein Fehler, der sofort richtiggestellt wurde. Was aber bei den meisten hängen bleibt ist genau das: “Facebook löscht Foto weil zu fett!!1”
Das erinnert mich ein bisschen ans Dong Xuan Center kürzlich. Eine Lagerhalle neben dem Gelände war es, die abbrannte. “Asiatisches Einkaufszentrum abgebrannt!” war die dazugehörige Headline. Wo fängt diese ganze Clickbaitsache eigentlich an? Sind es die Leute, die solche Meldungen haben wollen? Sind es die Medien, die die Klicks haben wollen? Wurden die Leser mittlerweile zu solcher vorgetäuschter Relevanz erzogen, so dass sie sich den Bullshit jetzt aktiv einfordern?
Mal wieder so ein Tag, an dem ich gern das Internet dichtmachen würde.

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Der Filter heißt Berlin

Die Leute sehen alle gleich individuell aus. Die Leute sehen sogar genau so aus wie auf ihren Instagram-Selfies. Der Filter heißt Berlin. “Hab langsam Hunger. Hast du schon irgendwas geiles gegessen?“ fragt einer seinen Freund. Wichtig, hier isst man nicht einfach irgendwas, hier isst man was “geiles”. Die kulinarische Diversität ist ja auch einer der Faktoren, die Kreuzkölln so lebenswert machen, ne? Was geiles essen, Wegbier einer Marke trinken, die kein Mensch mit Fernseher kennt, später am Abend den Club suchen, der bisher am längsten im Bezirk besteht, oldschool Underground von 2009. Pepe Tabak hellgrün, der teert nicht so krass die Lunge dicht, wenn man beim Treibenlassen ständig raucht, um Tätigkeit beim Gesehenwerden zu simulieren. Niemand erzählt dir mehr ungefragt, dass er Veganer ist, die Phase ist durch, mittlerweile ist das nicht mehr erwähnenswert in einer Peergroup, in der keine Nichtveganer mehr existieren, I mean, you know? #örben

Fangt an aufzuräumen mit der Mehrheitsillusion der Dumpfen, es wird notwendig.

“Ah, vier deutsche Kerle.”
Wir standen auf der Schönhauser Allee und machten eine Raucherpause. Der Typ hörte aus 3 Metern Entfernung, dass es grob um Köln ging.
“Richtige Prachtexemplare! Die sich locker von zwei Türken verprügeln lassen würden! Die Mädels vergewaltigen se nur, die Kerle stechen se ab. Schon bei nem Kampfkurs angemeldet? Ihr habt ja überhaupt keine Ahnung, was da noch auf uns zu kommt!”

Wir standen einer wandelnden Kommentarspalte gegenüber. Die virtuelle Scheiße hatte sich materialisiert. Diese “Phase”, dieser Zustand da im Netz, der steht mittlerweile auf der Straße und quatscht dich ungefragt voll.

Wir haben das Internet verloren. Einst Rückzugsort für Ausgleich durch Unsinn, hat es sich in kurzer Zeit radikal politisiert – und die Lauten haben gewonnen. Das ist genau der Prozess, der jetzt mit Verzögerung in die Gesellschaft drängt. (Ich erinnere mich übrigens noch an Zeiten, in denen Pegida-Märsche der Gegenkundgebung zahlenmäßig unterlegen waren.)

Man hat sich das jetzt ne ganze Weile angeschaut. Ich sehe da aber mittlerweile einen so großen Haufen Scheiße auf uns zukommen, dass man sich mal um Lösungsansätze Gedanken machen muss. “Wir müssen jetzt mal dagegensteuern!” liest man allerorten, aber kein “Wie”, und das regt mich auf in diesen vernetzten Zeiten.

Ein erster und möglicherweise satzentscheidender Schritt wäre die Wiedereroberung des Internets. Die gefährlichste Waffe der Verblödung ist die Filterblase, und die gilt es zum Platzen zu bringen. Wir haben (nicht erst) im letzten Jahr gelernt, dass Argumente keine Kommentarspalten gewinnen können. Aber es geht um die Präsenz.

„Wenn wir Öffentlichkeit sich selbst überlassen, dann wird diese häufig ausgrenzend und zerfällt in Fragmente. Wenn zueinander in Opposition stehende Seiten sich nicht mehr zuhören wollen, nicht mehr aufeinander reagieren, sondern bloß noch Identifikation durch Abgrenzung schaffen und in ihren Thesen verharren, dann findet eine Spaltung der Öffentlichkeit statt und Fronten verhärten sich. An einem gewissen Punkt beginnen die Leute, eigene Subgesellschaften in der Öffentlichkeit zu bilden, in der sie sicher sein können, dass keiner ihnen widerspricht.“
(http://www.carta.info/77196/filter-bubble-und-propaganda-wie-wir-mit-nachrichten-besser-umgehen-sollten/)

Die Hetzer haben ihre Filterblase mittlerweile so aufgepumpt, dass sie ins “neutrale” Netz gedrungen ist. In einem Maße, dass sich große Onlinemedien längst dazu entschlossen, ihre Kommentarbereiche teilweise zu deaktivieren. Wer sich auch außerhalb seiner Filterblase im öffentlichen Raum “Internet” ideologisch in der Mehrzahl fühlt, der unterliegt der Mehrheitsillusion. Das, was maßgeblich dazu beitrug, die Menschen im Arabischen Frühling auf die Straße zu bringen, sorgt in Deutschland für einen historischen Rechtsruck.

Auf der Magisterverleihung der Philosophischen Fakultät hielt der Dekan eine pathetische Rede. “Wir” hätten die eigentliche Verantwortung als impulsgebende Elemente der Gesellschaft. Kam mir in letzter Zeit häufiger in den Sinn. Ich sehe Resignation bei denen, die zu reflektieren in der Lage sind, sich gerade deshalb aber hauptsächlich mit sich selbst beschäftigen. Die Beobachterposition ist eine bequeme, aber mittlerweile nicht mehr die intelligenteste. Fangt an aufzuräumen mit der Mehrheitsillusion der Dumpfen, es wird notwendig.

Hinter dem Kampfsporttypen von der Schönhauser, an der Wand, prangte übrigens ein “STOPPT DEN RECHTEN MOB!”-Schriftzug, der 2015 noch nicht da war. Die Antifaschisten sind längst sensibilisiert, jetzt geht’s ums rationale Volk, verdammt.

Die wollen uns doch nur unsere Likes wegnehmen!

Sie strömen in Massen ins deutsche Internet, völlig unkontrolliert. Es handelt sich meist um Männer aus bildungsfernen Regionen – kaum einer der deutschen Sprache mächtig – und alle besitzen ein Smartphone. Die Rede ist von neuen Rechten, die hemmungslos unser Internet terrorisieren, deutsche User belästigen (auch unsere Frauen!) sowie ungehindert Falschmeldungen, Hetze und Morddrohungen verbreiten.

Damit muss endlich Schluss sein! Das Internet ist voll! Wir haben hier doch keinen Platz für die Gesamtheit aller obskuren Weltbilder! Die Grundwerte des deutschen Internets werden zerstört (Katzen-GIFs, Selfies, Essensbilder, Buzzfeed-Listen) und die Politik schaut tatenlos zu! Unsere eigenen Seiten, Gruppen und Kanäle verlieren stark an Wert, wenn in direkter Nachbarschaft AfD-Wähler ihr Unwesen treiben! Warum kommen die alle ins deutsche Internet? Die wollen uns doch nur unsere Likes wegnehmen!

Und das war erst der Anfang, wer weiß, wie viele bisher passive User demnächst noch mit ihren unreflektierten Standpunkten in soziale Netzwerke fliehen werden.

Wir fordern daher:
– Strenge Abiturkontrollen beim Einloggen!
– Pflicht-Deutschkurse für alle Hetzer!
– Sofortige Abschiebung aller Straftäter hinsichtlich der Facebook Gemeinschaftsstandards! (Nach Myspace! Oder Sachsen.)
– Konsequente Verfolgung von verantwortlichen Providerbanden. (O2, Vodafone, 1&1 etc.)
– Verbindliche Obergrenzen für nationalistischen Bullshit im deutschen Internet!
– Beschränkung der Hetzparolen auf die eigenen Kulturkreise! (Stammtische, Schützenvereine, Vorstadtdiskotheken, …)

Ihre AfdAfD (Alternative für die Alternative für Deutschland)

Maas macht einen arroganten Witz auf unsere Kosten

Bundesjustizminister Heiko Maas hält die heute beschlossene Vorratsdatenspeicherung für “einen Eingriff in die informationelle Selbstbestimmung, aber in verhältnismäßigem Maße”.

Was ist ein verhältnismäßiges Maß? Das ist die Schaffung eines Scheinarguments mittels sprachlicher Verschwurbelung. Alles ist irgendwie in einem verhältnismäßigen Maße, das ist aber keine qualitative Aussage, sondern eine Tautologie. Der Satz verpufft im Nichts, ähnlich wie die Forderung, Grundrechte sollten “nach Maßgabe der Möglichkeiten” gelten.

Wenn wir alle irgendwo als Batterie dahinvegetieren, während uns die “Realität” von einer einst selbst geschaffenen künstlichen Intelligenz ins Hirn gegaukelt wird, ist so ein bisschen Überwachung jetzt auch in verhältnismäßigem Maße kein Weltuntergang.

“In verhältnismäßigem Maße” heißt nichts anderes als “relativ”. Maas sagt hier nichts anderes, als dass die Vorratsdatenspeicherung “relativ” vertretbare Einschränkungen mit sich bringen wird. Das noch perfidere daran ist die ironische Konnotation des “relativ”. Ich war gestern relativ betrunken. Deutschland hat relativ deutlich gegen Brasilien gewonnen. Beckenbauer sitzt relativ in der Scheiße. Maas macht einen arroganten Witz auf unsere Kosten.

Über Politikgeschmack

Ich war 13, machte Urlaub mit Verwandten in Dänemark und nutzte jede Gelegenheit, unser Ferienhaus mit Pearl Jam Tapes zu beschallen. Nach einigen Tagen fragte mich eine entfernte Großtante, woher ich denn eigentlich diese Musik kenne, im Radio käme sowas ja nicht.

Ich kannte die Band von meiner 10 Jahre älteren Schwester. Andere Musik kannte ich durch Freunde, und ebenso verteilte ich einige Zeit später Daten-CDs mit spannenden Alben in meinem Freundeskreis. Musikgeschmack ist abhängig von Input. Und ich glaube, politische Weltbilder sind auch nichts anderes als ebendies: Geschmack, der sich durch soziale Einflüsse festigt.

In meiner Heimatstadt hingen die NPD-Plakate auf Kopfhöhe und ich kannte dort nur einen einzigen Menschen mit Migrationshintergrund. Das ist kein Zufall. Die Chancen stehen schlecht ein tolerantes Weltbild zu entwickeln, wenn Opi den Holocaust herunterspielt, Papi über Türken schimpft und die Gleichaltrigen die “Neger” der gegnerischen Mannschaften im Ostseestadion beschimpfen, man selbst jedoch nie in Kontakt mit Menschen anderer Herkunft kommt.

Die Chancen stehen genauso schlecht, Sigur Rós nicht für Glockenspiel mit Walgesang zu halten oder Tools Songstrukturen zu verstehen, wenn man musikalisch durch die Charts sozialisiert wird und sonst niemanden hat, der einem mal Pink Floyd vorspielt. Natürlich hinkt der Vergleich, weil Musikgeschmack um Himmels Willen nichts mit einem normativen Anspruch zu tun hat. Der normative Anspruch beim Politikgeschmack tritt aber dann zu Tage, sobald die humanitären Normen und Werte unserer Gesellschaft attackiert, mehr noch, gänzlich missachtet werden.

Das grundlegende Problem hierbei ist, dass sich die Medienlandschaft und die Politik weitestgehend wie die Musikindustrie verhalten. Radiosender verlieren Hörer, wenn sie von ihrem Einheitsbrei abweichen. Labels machen weniger Profit, wenn sie aufhören, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu promoten. Und die Klatschpresse macht weniger Absatz, analog wie digital, wenn sie differenzierter berichtet, statt den Kleinbürger mit der nächsten hetzerischen Headline genau in seiner Lebenswelt abzuholen.

Die Charts bilden ab, was sich verkauft, und die Menschen kaufen, was die Charts abbilden, weil sie nichts anderes kennen. Damit die Industrie Geld verdient, wird immer mehr produziert, was den Charakteristika der Charts entspricht, die Folge ist eine qualitativ negative Rückkopplung. Medien und Politik dürfen nicht denselben Fehler begehen, sind aber auf dem besten Weg dorthin.

Wir erleben kein Aufkeimen des Rassismus, wir bekommen ihn nur erstmals dank Web 2.0 ungefiltert mit. Das ist einerseits ein Segen, denn nie in der Geschichte existierte ein umfassenderes Stimmungsbarometer des Volkes. Andererseits erleben wir mit aller Wucht die Gefahren der gezielten Koordination Gleichgesinnter. Diese Gleichgesinnten wollen keine Flashmobs veranstalten, Geheimdokumente veröffentlichen oder Diktaturen stürzen. Sie wollen Gewalt an Unschuldigen ausüben.

Es ist ein Problem, dass eine breite Masse in diesem Land unverhohlen rassistische Äußerungen von sich gibt, und zwar mit einer Selbstverständlichkeit, als würde man sich über das Wetter beschweren.

Es ist, quasi auf der Metaebene ganz hinten rechts, genau so ein Problem, dass eine breite Masse in diesem Land so unzufrieden ist und so bis zum Hals voll mit überschüssiger Aggression, dass sie ihrem Ärger in einem solchen Umfang Luft machen muss. Die menschenverachtenden Inhalte mal ganz außen vor: Es geht “uns” nicht gut, und zwar flächendeckend. Die Asylantenheime vor der Haustür sind hier nur der Trigger für eine viel tiefer liegende Depression der Masse.

Das größte Problem jedoch ist, dass diesen Leuten nicht beizukommen ist. Intoleranz mit Intoleranz zu bekämpfen ist schon rein auf logischer Ebene unmöglich und disqualifiziert die edlen Unternehmungen des linken Randes seit jeher. Der andere Weg, nämlich den Dialog zu suchen und Rassisten mit Argumenten zu begegnen, ist in etwa so sinnvoll, wie David Guetta-Fans musikwissenschaftlich zu erläutern, warum dieser keinen ernstzunehmenden Techno produziert.

Rein kommunikationswissenschaftlich ist der erste Schritt einer Diskussion die Anerkennung des Standpunkts des Andern. Solange jedoch nicht Menschen mit Menschen, sondern “Gutmenschen” mit “Nazis” reden, sind alle Parteien schon beleidigt, bevor überhaupt das erste Argument ausgetauscht wurde.

Helene Fischer ist musikalischer Populismus. Das geht ins Ohr, da schunkelt man mit. Das Argument, Helene Fischer sei musikalisch gesehen absoluter Schrott, empfinden ihre Fans noch nicht einmal als Affront. Schlimmer noch: Sie nehmen es überhaupt nicht als Argument an, da sie in diesen Kategorien gar nicht denken. Ähnlich verhält es sich mit Rassisten. Jemandem, der menschenverachtendes Gedankengut in sich trägt, zu sagen, er sei menschenverachtend, verpufft sofort im Nichts. Das Argument als solches erreicht ihn gar nicht erst. Genauso wenig, wie es mich als Atheisten erreichen würde, wenn mich jemand als “Ungläubigen” bezeichnet. So what?

Man kann über Helene Fischer ebenso wie über die mangelhafte Orthographie besorgter Facebookuser spotten, sie wird trotzdem weiterhin das Olympiastadion füllen und letztere vielleicht auch irgendwann. Statt also ihren Fans wutentbrannt irgendwelche Jazzplatten an den Kopf zu werfen, sollte man lieber mal überlegen, wo man sie musikalisch abholen könnte, um ihnen die unendliche Bandbreite des guten Pop schmackhaft zu machen. Die Chancen stehen ungleich besser, damit jemandem die Augen zu öffnen, als stur auf der Überlegenheit des eigenen Geschmacks herumzureiten.

Ich würde gern weiterhin Daten-CDs mit spannenden Alben verteilen, wie damals auf dem Schulhof. Die Voraussetzung jedoch, dass diese Alben nicht ungehört im Müll landen, kann nur Sensibilisierung durch das Radio schaffen. Dabei sind vor allem diejenigen in der Pflicht, die ein wirtschaftliches Interesse daran haben, was dort gespielt wird. Und sich nicht nur in einer überfälligen Pressekonferenz “beschämt” zeigen, dass Helene das Olympiastadion füllte, sondern vielleicht mal dafür sorgen, dass sich dieser schlechte Geschmack gar nicht erst herausbilden kann.

Prenzlauer Allee

Man soll den Wandel der Stadt ja nicht von vornherein schlechtreden. Heute beispielsweise stand ich vorm Lidl in der Prenzlauer Allee, unweit des S-Bahnhofs, neben Robben & Wientjes, außerhalb des Rings. Mir ist eingefallen, dass ich da schon mal vor nicht wenigen Jahren war, irgendwann Mitte der Nuller. Ich besuchte einen Kumpel und wir holten dort Bier. Es gab Security-Personal. Ich fühlte mich wie in einem Brennpunkt-Supermarkt. Heute fahr ich da fast täglich vorbei und genieße die ruhige Randlage im sonst kinderwagenüberfüllten Smoothiebezirk.

Ein paar hundert Meter weiter steht das Planetarium, das nachts normalerweise in stimmungsvollem Blau erleuchtet wird. Es sieht gerade so aus:

planetarium

Was zur Hölle, Prenzlauer Berg. Was zur Hölle, Berlin. Ich habe lange überlegt, ob ich dieses Foto posten und damit dem Ziel der Kampagne in die Karten spielen soll. Aber ich muss das mal los werden: Können wir bitte alle mal wieder runterkommen? Können wir der Werbung mal Einhalt gebieten? Eine Bildungsinstitution als überdimensionierte Werbebande für einen Junkfoodlieferservice? Was zur Hölle.

High-Deck-Siedlung

Wenn man die Sonnenallee über die Ringbahn hinaus weiter fährt, etwa eineinhalb Kilometer hinterm Estrel (welches glaube ich in den 90’ern immer mal als Zwischendurch-Luftaufnahme bei GZSZ eingeblendet wurde, aber ich bin mir da nicht so sicher), dann gelangt man an ein Einkaufszentrum, das sich im 70’er-Plattenbaulook Westberlins wie ein Triumphbogen des sozialen Wohnungsbaus über die große Ausfallstraße zieht. Durchquert man dieses Tor, befindet man sich in der “High-Deck-Siedlung”.

Etwa zur Hälfte direkt am ehemaligen Mauerstreifen gelegen, nutzte man hier die ruhige Schrebergarten-Grenzlage, um modernen Wohnraum für das immer mehr verfallende Neukölln zu schaffen. Man wollte jedoch keine weitere Schlafstadt wie das Märkische Viertel oder Gropiusstadt, also setzte sich ein eher innovativer Entwurf durch, welcher die Fußgänger- und Straßenebene des Viertels komplett voneinander zu trennen suchte, um einen kinderfreundlichen, verkehrsberuhigten, aber dennoch dicht besiedelten Kiez für etwa 4.000 Menschen zu schaffen. Dazu in Nord-Süd-Ausrichtung, um perfekte Belichtung für alle Wohneinheiten zu gewähleisten … alles in allem beinahe etwas Star Trek-mäßig.

Zwei Dinge sind passiert: Die Budgetbegrenzungen des sozialen Wohnungsbaus kappten die ursprünglichen Planungen. Die Architekten mussten das zentrale Element ihres Entwurfs – die zweite Fußgänger-Ebene – erheblich beschneiden. So sind keine dicht begrünten Begegnungsstätten, sondern schmale Brücken entstanden, die dich vermutlich eher treiben, den Hausschlüssel in der Hosentasche fest umklammernd, statt sich ernsthaft dort aufzuhalten.

Zum Zweiten fiel die Mauer, die Sackgasse Sonnenallee wurde zur stark befahrenden Verkehrsachse und die vielen Bewohner, die wegen der ruhigen Lage hier herzogen (O-Ton: “Wenn schon Neukölln, dann High-Deck-Siedlung!”), verließen das Viertel und machten Platz für sozial schwächere Migranten. Das Projekt gilt seit langem als gescheitert und besitzt Brennpunktstatus. Vor 8 Jahren betrug der Anteil deutscher Kinder in der dritten Klasse der quartiereigenen Grundschule 4%. Also eins, vielleicht zwei.

Hinter einem kleinen, vor sich hin sumpfenden Wassergraben und einem schmalen Park – dem ehemaligen Todesstreifen der innerdeutschen Grenze – stehen vis-à-vis die Ostplatten vom Baumschulenweg. Dort sitzen Hartz-IV-Empfänger ohne Migrationshintergrund hinter ihren Spitzegardinen und schüren ihre Ressentiments, die sich einzig auf die Angst gründen, dass vielleicht doch alle gleich sein könnten.

Über Atzen

Sie liegen in abgelegenen, unangesagten Vierteln der Stadt: Underground Clubs für “Charts”-Musik, beispielsweise das Hofbräuhaus am Alexanderplatz. In diesen Lokalitäten spielen sich für Normalbürger gewöhnungsbedürftige Szenen ab: Unter dem Einfluss der “Charts”-spezifischen Modedroge “Bier” pilgern die selbsternannten “Atzen” in die Tempel kommerzieller Popmusik des Berliner Untergrunds. Dort wird dann “gesoffen”, wie die “Atzen” den feierlichen Überkonsum von “Bier” nennen. Ferner wird unter dem Rausch des Alkohols frenetisch zur “Charts”-Musik gegröhlt und chauvinistisch geprägte, im Alltag unterdrückte Tendenzen werden offen und frei ausgelebt. Die “Atzen” sehen diesen wöchentlichen Ritus als reinigendes Ritual an. Vor allem die Kombination aus dem als besonders eingängig geltenden Musikgenre, der Verneblung der Sinne durch “Bier”-Missbrauch sowie dem sozialen Aspekt derartiger “Feten” (“Atzen” gehen in der Regel in Grüppchen – etwa der eigenen Berufsschulklasse – “feiern”) machen das Gesamtkonzept aus, so Marco P. (21), “Charts”-Hörer und “Bier”-Abhängiger aus Berlin-Lichtenberg. Geradezu spirituell mutet es an, wenn jene “Atzen”-Gruppierungen in eine Art kontemplative Gruppenmeditation mittels der Applikation “WhatsApp” verfallen. In diesen Momenten der Vereinigung herrscht dann absolute Stille und Konzentration auf die mitgebrachten “Smartphones”, bevor das nächste “Bier” bestellt und weiter “gefeiert” wird.

Kritiker sagen, dass es sich um kein längerfristiges Phänomen handeln werde. Die “Charts”-Kultur gelte gerade in musikwissenschaftlicher Hinsicht als zu primitiv, um sich auf Dauer im Bereich der Populärmusik zu etablieren. Dennoch zeigen sich Soziologen besorgt, dass die auf jenen “Feten” zur Schau gestellten Verhaltensweisen besonders männlicher “Atzen” außer Kontrolle geraten und gesamtgesellschaftliche Auswirkungen zur Folge haben könnten. Wir werden das beobachten.

Frage

Angenommen, ich steige nachts aus der Tram aus und drei Meter vor mir läuft, im selben Schritttempo, eine junge Frau in die gleiche Richtung. Kein anderer Mensch weit und breit, links eine Kleingartenkolonie, rechts trostlose Stadtrand-Neubauten. Ich sehe nicht besonders bedrohlich aus, das ist mir klar, dennoch kann ich mir denken, dass es sich relativ unangenehm anfühlen muss, wenn man irgendwo in Weißensee um halb 2 nachts von einem Typen “verfolgt” wird. Wie löst man diese Situation am elegantesten? Mir fallen 3 Möglichkeiten ein:

1. Einfach weitergehen in dem Glauben, die Situation sei nicht unangenehm. Halte ich für fürchterlich.

2. Ich breche die Situation auf, indem ich sie anspreche, die Lage schildere und freundlich eine ungezwungene Konversation auf dem gemeinsamen Heimweg anbiete. Hier gibt es drei mögliche Reaktionen:

A: Sie lässt sich drauf ein und ist erleichtert.

B: Sie bekommt noch mehr Angst und fühlt sich noch unwohler.

C: Sie hält die Aktion für einen widerlichen Anmachversuch.

A halte ich persönlich für sehr unwahrscheinlich, ich gehe eher davon aus, dass C eintreffen wird.

3. Ich bleibe stehen, guck mir eine Weile Eure Instagrams an und gehe weiter, wenn 100 oder 200 Meter zwischen uns liegen. Eleganteste Lösung? Ich hätte hierzu wirklich gern mal eine Zweit-, Dritt- und Viertmeinung. 😦

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