Fangt an aufzuräumen mit der Mehrheitsillusion der Dumpfen, es wird notwendig.

“Ah, vier deutsche Kerle.”
Wir standen auf der Schönhauser Allee und machten eine Raucherpause. Der Typ hörte aus 3 Metern Entfernung, dass es grob um Köln ging.
“Richtige Prachtexemplare! Die sich locker von zwei Türken verprügeln lassen würden! Die Mädels vergewaltigen se nur, die Kerle stechen se ab. Schon bei nem Kampfkurs angemeldet? Ihr habt ja überhaupt keine Ahnung, was da noch auf uns zu kommt!”

Wir standen einer wandelnden Kommentarspalte gegenüber. Die virtuelle Scheiße hatte sich materialisiert. Diese “Phase”, dieser Zustand da im Netz, der steht mittlerweile auf der Straße und quatscht dich ungefragt voll.

Wir haben das Internet verloren. Einst Rückzugsort für Ausgleich durch Unsinn, hat es sich in kurzer Zeit radikal politisiert – und die Lauten haben gewonnen. Das ist genau der Prozess, der jetzt mit Verzögerung in die Gesellschaft drängt. (Ich erinnere mich übrigens noch an Zeiten, in denen Pegida-Märsche der Gegenkundgebung zahlenmäßig unterlegen waren.)

Man hat sich das jetzt ne ganze Weile angeschaut. Ich sehe da aber mittlerweile einen so großen Haufen Scheiße auf uns zukommen, dass man sich mal um Lösungsansätze Gedanken machen muss. “Wir müssen jetzt mal dagegensteuern!” liest man allerorten, aber kein “Wie”, und das regt mich auf in diesen vernetzten Zeiten.

Ein erster und möglicherweise satzentscheidender Schritt wäre die Wiedereroberung des Internets. Die gefährlichste Waffe der Verblödung ist die Filterblase, und die gilt es zum Platzen zu bringen. Wir haben (nicht erst) im letzten Jahr gelernt, dass Argumente keine Kommentarspalten gewinnen können. Aber es geht um die Präsenz.

„Wenn wir Öffentlichkeit sich selbst überlassen, dann wird diese häufig ausgrenzend und zerfällt in Fragmente. Wenn zueinander in Opposition stehende Seiten sich nicht mehr zuhören wollen, nicht mehr aufeinander reagieren, sondern bloß noch Identifikation durch Abgrenzung schaffen und in ihren Thesen verharren, dann findet eine Spaltung der Öffentlichkeit statt und Fronten verhärten sich. An einem gewissen Punkt beginnen die Leute, eigene Subgesellschaften in der Öffentlichkeit zu bilden, in der sie sicher sein können, dass keiner ihnen widerspricht.“
(http://www.carta.info/77196/filter-bubble-und-propaganda-wie-wir-mit-nachrichten-besser-umgehen-sollten/)

Die Hetzer haben ihre Filterblase mittlerweile so aufgepumpt, dass sie ins “neutrale” Netz gedrungen ist. In einem Maße, dass sich große Onlinemedien längst dazu entschlossen, ihre Kommentarbereiche teilweise zu deaktivieren. Wer sich auch außerhalb seiner Filterblase im öffentlichen Raum “Internet” ideologisch in der Mehrzahl fühlt, der unterliegt der Mehrheitsillusion. Das, was maßgeblich dazu beitrug, die Menschen im Arabischen Frühling auf die Straße zu bringen, sorgt in Deutschland für einen historischen Rechtsruck.

Auf der Magisterverleihung der Philosophischen Fakultät hielt der Dekan eine pathetische Rede. “Wir” hätten die eigentliche Verantwortung als impulsgebende Elemente der Gesellschaft. Kam mir in letzter Zeit häufiger in den Sinn. Ich sehe Resignation bei denen, die zu reflektieren in der Lage sind, sich gerade deshalb aber hauptsächlich mit sich selbst beschäftigen. Die Beobachterposition ist eine bequeme, aber mittlerweile nicht mehr die intelligenteste. Fangt an aufzuräumen mit der Mehrheitsillusion der Dumpfen, es wird notwendig.

Hinter dem Kampfsporttypen von der Schönhauser, an der Wand, prangte übrigens ein “STOPPT DEN RECHTEN MOB!”-Schriftzug, der 2015 noch nicht da war. Die Antifaschisten sind längst sensibilisiert, jetzt geht’s ums rationale Volk, verdammt.

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One response to “Fangt an aufzuräumen mit der Mehrheitsillusion der Dumpfen, es wird notwendig.”

  1. Uwe says :

    Bin völlig deiner Meinung.Was ich auch vernünftig fänd: Mal wieder einen Leserbrief an eine Zeitung zu schreiben. Z.B. an die LVZ, oder die Sächsische Zeitung. Wenn man sich die Leute bei den Pegida-Demos anschaut, dann sind dort genug Leute, die von Internet keine Ahnung haben, aber vielleicht auf andere Wege zu erreichen sind. Nur so ein Gedanke…

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