Über Politikgeschmack

Ich war 13, machte Urlaub mit Verwandten in Dänemark und nutzte jede Gelegenheit, unser Ferienhaus mit Pearl Jam Tapes zu beschallen. Nach einigen Tagen fragte mich eine entfernte Großtante, woher ich denn eigentlich diese Musik kenne, im Radio käme sowas ja nicht.

Ich kannte die Band von meiner 10 Jahre älteren Schwester. Andere Musik kannte ich durch Freunde, und ebenso verteilte ich einige Zeit später Daten-CDs mit spannenden Alben in meinem Freundeskreis. Musikgeschmack ist abhängig von Input. Und ich glaube, politische Weltbilder sind auch nichts anderes als ebendies: Geschmack, der sich durch soziale Einflüsse festigt.

In meiner Heimatstadt hingen die NPD-Plakate auf Kopfhöhe und ich kannte dort nur einen einzigen Menschen mit Migrationshintergrund. Das ist kein Zufall. Die Chancen stehen schlecht ein tolerantes Weltbild zu entwickeln, wenn Opi den Holocaust herunterspielt, Papi über Türken schimpft und die Gleichaltrigen die “Neger” der gegnerischen Mannschaften im Ostseestadion beschimpfen, man selbst jedoch nie in Kontakt mit Menschen anderer Herkunft kommt.

Die Chancen stehen genauso schlecht, Sigur Rós nicht für Glockenspiel mit Walgesang zu halten oder Tools Songstrukturen zu verstehen, wenn man musikalisch durch die Charts sozialisiert wird und sonst niemanden hat, der einem mal Pink Floyd vorspielt. Natürlich hinkt der Vergleich, weil Musikgeschmack um Himmels Willen nichts mit einem normativen Anspruch zu tun hat. Der normative Anspruch beim Politikgeschmack tritt aber dann zu Tage, sobald die humanitären Normen und Werte unserer Gesellschaft attackiert, mehr noch, gänzlich missachtet werden.

Das grundlegende Problem hierbei ist, dass sich die Medienlandschaft und die Politik weitestgehend wie die Musikindustrie verhalten. Radiosender verlieren Hörer, wenn sie von ihrem Einheitsbrei abweichen. Labels machen weniger Profit, wenn sie aufhören, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu promoten. Und die Klatschpresse macht weniger Absatz, analog wie digital, wenn sie differenzierter berichtet, statt den Kleinbürger mit der nächsten hetzerischen Headline genau in seiner Lebenswelt abzuholen.

Die Charts bilden ab, was sich verkauft, und die Menschen kaufen, was die Charts abbilden, weil sie nichts anderes kennen. Damit die Industrie Geld verdient, wird immer mehr produziert, was den Charakteristika der Charts entspricht, die Folge ist eine qualitativ negative Rückkopplung. Medien und Politik dürfen nicht denselben Fehler begehen, sind aber auf dem besten Weg dorthin.

Wir erleben kein Aufkeimen des Rassismus, wir bekommen ihn nur erstmals dank Web 2.0 ungefiltert mit. Das ist einerseits ein Segen, denn nie in der Geschichte existierte ein umfassenderes Stimmungsbarometer des Volkes. Andererseits erleben wir mit aller Wucht die Gefahren der gezielten Koordination Gleichgesinnter. Diese Gleichgesinnten wollen keine Flashmobs veranstalten, Geheimdokumente veröffentlichen oder Diktaturen stürzen. Sie wollen Gewalt an Unschuldigen ausüben.

Es ist ein Problem, dass eine breite Masse in diesem Land unverhohlen rassistische Äußerungen von sich gibt, und zwar mit einer Selbstverständlichkeit, als würde man sich über das Wetter beschweren.

Es ist, quasi auf der Metaebene ganz hinten rechts, genau so ein Problem, dass eine breite Masse in diesem Land so unzufrieden ist und so bis zum Hals voll mit überschüssiger Aggression, dass sie ihrem Ärger in einem solchen Umfang Luft machen muss. Die menschenverachtenden Inhalte mal ganz außen vor: Es geht “uns” nicht gut, und zwar flächendeckend. Die Asylantenheime vor der Haustür sind hier nur der Trigger für eine viel tiefer liegende Depression der Masse.

Das größte Problem jedoch ist, dass diesen Leuten nicht beizukommen ist. Intoleranz mit Intoleranz zu bekämpfen ist schon rein auf logischer Ebene unmöglich und disqualifiziert die edlen Unternehmungen des linken Randes seit jeher. Der andere Weg, nämlich den Dialog zu suchen und Rassisten mit Argumenten zu begegnen, ist in etwa so sinnvoll, wie David Guetta-Fans musikwissenschaftlich zu erläutern, warum dieser keinen ernstzunehmenden Techno produziert.

Rein kommunikationswissenschaftlich ist der erste Schritt einer Diskussion die Anerkennung des Standpunkts des Andern. Solange jedoch nicht Menschen mit Menschen, sondern “Gutmenschen” mit “Nazis” reden, sind alle Parteien schon beleidigt, bevor überhaupt das erste Argument ausgetauscht wurde.

Helene Fischer ist musikalischer Populismus. Das geht ins Ohr, da schunkelt man mit. Das Argument, Helene Fischer sei musikalisch gesehen absoluter Schrott, empfinden ihre Fans noch nicht einmal als Affront. Schlimmer noch: Sie nehmen es überhaupt nicht als Argument an, da sie in diesen Kategorien gar nicht denken. Ähnlich verhält es sich mit Rassisten. Jemandem, der menschenverachtendes Gedankengut in sich trägt, zu sagen, er sei menschenverachtend, verpufft sofort im Nichts. Das Argument als solches erreicht ihn gar nicht erst. Genauso wenig, wie es mich als Atheisten erreichen würde, wenn mich jemand als “Ungläubigen” bezeichnet. So what?

Man kann über Helene Fischer ebenso wie über die mangelhafte Orthographie besorgter Facebookuser spotten, sie wird trotzdem weiterhin das Olympiastadion füllen und letztere vielleicht auch irgendwann. Statt also ihren Fans wutentbrannt irgendwelche Jazzplatten an den Kopf zu werfen, sollte man lieber mal überlegen, wo man sie musikalisch abholen könnte, um ihnen die unendliche Bandbreite des guten Pop schmackhaft zu machen. Die Chancen stehen ungleich besser, damit jemandem die Augen zu öffnen, als stur auf der Überlegenheit des eigenen Geschmacks herumzureiten.

Ich würde gern weiterhin Daten-CDs mit spannenden Alben verteilen, wie damals auf dem Schulhof. Die Voraussetzung jedoch, dass diese Alben nicht ungehört im Müll landen, kann nur Sensibilisierung durch das Radio schaffen. Dabei sind vor allem diejenigen in der Pflicht, die ein wirtschaftliches Interesse daran haben, was dort gespielt wird. Und sich nicht nur in einer überfälligen Pressekonferenz “beschämt” zeigen, dass Helene das Olympiastadion füllte, sondern vielleicht mal dafür sorgen, dass sich dieser schlechte Geschmack gar nicht erst herausbilden kann.

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8 responses to “Über Politikgeschmack”

  1. kraytcrawler says :

    nicht das erste mal, dass du ausformulierst, was ich denke. super text!

  2. madameflamusse says :

    Reblogged this on Leben teilsaniert – Private Politics and commented:
    Guter Text zur aktuellen Lage

  3. sushey says :

    Vielleicht könnte man einfach eine Blogreihe starten, in der man sich mit guter Musik, Politik und Dergleichen mehr auseinandersetzt. Quasi eine “positive Rückkopplung” verursachen. Dein Text bringt mich zum Nachdenken, und wenn ich in meinem nächsten Text darauf Bezug nehme und ihn sozusagen fortsetze und jemand anders meinen Text liest….
    Es wäre den Versuch wert, oder?

  4. Drittgedanke says :

    Guter Musikgeschmack – und guter Text!

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