High-Deck-Siedlung

Wenn man die Sonnenallee über die Ringbahn hinaus weiter fährt, etwa eineinhalb Kilometer hinterm Estrel (welches glaube ich in den 90’ern immer mal als Zwischendurch-Luftaufnahme bei GZSZ eingeblendet wurde, aber ich bin mir da nicht so sicher), dann gelangt man an ein Einkaufszentrum, das sich im 70’er-Plattenbaulook Westberlins wie ein Triumphbogen des sozialen Wohnungsbaus über die große Ausfallstraße zieht. Durchquert man dieses Tor, befindet man sich in der “High-Deck-Siedlung”.

Etwa zur Hälfte direkt am ehemaligen Mauerstreifen gelegen, nutzte man hier die ruhige Schrebergarten-Grenzlage, um modernen Wohnraum für das immer mehr verfallende Neukölln zu schaffen. Man wollte jedoch keine weitere Schlafstadt wie das Märkische Viertel oder Gropiusstadt, also setzte sich ein eher innovativer Entwurf durch, welcher die Fußgänger- und Straßenebene des Viertels komplett voneinander zu trennen suchte, um einen kinderfreundlichen, verkehrsberuhigten, aber dennoch dicht besiedelten Kiez für etwa 4.000 Menschen zu schaffen. Dazu in Nord-Süd-Ausrichtung, um perfekte Belichtung für alle Wohneinheiten zu gewähleisten … alles in allem beinahe etwas Star Trek-mäßig.

Zwei Dinge sind passiert: Die Budgetbegrenzungen des sozialen Wohnungsbaus kappten die ursprünglichen Planungen. Die Architekten mussten das zentrale Element ihres Entwurfs – die zweite Fußgänger-Ebene – erheblich beschneiden. So sind keine dicht begrünten Begegnungsstätten, sondern schmale Brücken entstanden, die dich vermutlich eher treiben, den Hausschlüssel in der Hosentasche fest umklammernd, statt sich ernsthaft dort aufzuhalten.

Zum Zweiten fiel die Mauer, die Sackgasse Sonnenallee wurde zur stark befahrenden Verkehrsachse und die vielen Bewohner, die wegen der ruhigen Lage hier herzogen (O-Ton: “Wenn schon Neukölln, dann High-Deck-Siedlung!”), verließen das Viertel und machten Platz für sozial schwächere Migranten. Das Projekt gilt seit langem als gescheitert und besitzt Brennpunktstatus. Vor 8 Jahren betrug der Anteil deutscher Kinder in der dritten Klasse der quartiereigenen Grundschule 4%. Also eins, vielleicht zwei.

Hinter einem kleinen, vor sich hin sumpfenden Wassergraben und einem schmalen Park – dem ehemaligen Todesstreifen der innerdeutschen Grenze – stehen vis-à-vis die Ostplatten vom Baumschulenweg. Dort sitzen Hartz-IV-Empfänger ohne Migrationshintergrund hinter ihren Spitzegardinen und schüren ihre Ressentiments, die sich einzig auf die Angst gründen, dass vielleicht doch alle gleich sein könnten.

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  1. Auf Tour | milchmithonig.de - April 27, 2015

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