The Sound of Muzac

Ich schiebe meinen Einkaufswagen unmotiviert durch den völlig überdimensionierten Kaufland Heinersdorf, da wo die Flugzeuge zur Landung ansetzen und wo Bruce Springsteen, auf der Rennbahn gleich um die Ecke, 1988 ein Konzert vor einer Viertelmillion DDR-Bürgern gab. Es ist Feierabend-Rushhour und dementsprechend voll, doch wär ich jetzt erst mal nach Hause in den vierten Stock geklettert, hätte ich meinen Arsch abends nicht mehr hoch bekommen und stünde den dritten Morgen in Folge ohne Brot im Haus da. Über die Lautsprecheranlage werden irgendwelche Sonderangebote angepriesen. Die Sprecherin lispelt etwas und sagt ölf statt elf. Danach Musik, irgendwas leicht verdauliches aus dem Radio, das dich einlullen soll, damit du nicht darüber nachdenkst, dass du die ganze Scheiße in deinem Einkaufswagen eigentlich überhaupt nicht gebrauchen kannst. Ich hab das Lied schon mal gehört, es muss auf einer Mitfahrgelegenheit gewesen sein, denn woanders hör ich kein Radio. Es ist eine dieser Popbands, die völlig überproduziert sind und handgemacht klingen sollen, und deren erste und einzige Single so oft gespielt wird, bis irgendwann tatsächlich Menschen anfangen sie zu kaufen. Sie touren dann auch über die großen Festivals im Sommer, spielen irgendwann nachmittags auf der Hauptbühne, in der ersten Reihe stehen dann Mädchen, die sich als Hippies verkleidet haben und klatschen im Takt zu dem einen bekannten Song, der ärgerlicherweise erst ganz am Ende des Konzertes kommt. Es gibt eine Bezeichnung für dieses belanglose Fahrstuhl- und Supermarktgedudel: Muzac. Porcupine Tree haben darüber mal einen Song geschrieben, ein wunderschönes Lied in einem herrlichen 7/4-Takt, darin singt Steven Wilson:

The music of the future
Will not entertain
It’s only meant to repress
And neutralise your brain

Es muss einen Berufszweig geben, der sich mit Muzac beschäftigt. Menschen, die Playlists für Fahrstühle und Geschäfte zusammenstellen. Die dann außerdem ständig die Charts auf Material abklopfen müssen, das nicht zu aufregend für ein ungestörtes Einkauferlebnis ist, dich aber trotzdem so weit pusht, dass du nicht einpennst. Was für eine Horrorvorstellung. Der Typ vor mir an der Kasse sieht aus wie Philipp Lahm ohne Schulabschluss. Ich zahle und schreite Richtung Ausgang, an dem dicke Berliner stehen und dicke Bockwürste in blassen Brötchen in sich reinstopfen. Ein Flugzeug setzt zur Landung an und ich schließe mein Fahrrad ab, hier gleich um die Ecke, wo Bruce Springsteen 1988 ein Konzert vor einer Viertelmillion DDR-Bürgern gab.

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