Dies ist kein WM-Text

Eigentlich müsste man ja einen Text über die WM schreiben, dachte ich, ein mit Pointen zugeballertes Résumé des deutschen Triumphzugs in Brasilien. An Aufhängern für einen kleinen prosaischen Kunstschuss würde es nicht mangeln. Angefangen beim Libero des Turniers, Manuel Neuer, über Mertesackers “Skandal”-Interview, in dem ein überdurchschnittlich intelligenter Fußballer zum ersten Mal in der Geschichte einfach nur seine ehrliche und berechtigte Meinung gesagt hat, bis hin zum famosen Siegtor im Finale, das ich ausgerechnet Mario Götze nun wirklich am wenigsten gegönnt hätte. Viel lieber hätte ich gesehen, wie Poldi den Ball gutgelaunt aus 40 Metern unter die Latte bratzt. Doch das ist eine andere Geschichte.

Je mehr ich aber über einen möglichen WM-Text nachdachte, desto stärker kehrte eine Erinnerung an einen anderen Text zurück ans Tageslicht. Ein Text von 1997, den ich leider nicht mehr besitze, an dessen Rahmenhandlung ich mich jedoch noch all zu gut erinnern kann und von dem ich Euch gern erzählen würde.

Ich war in der 6. Klasse. Wir hatten zwei Wochen Zeit für eine Hausarbeit im Deutschunterricht. Zwei, drei Seiten, freie Erzählung über ein Thema nach eigener Wahl. Angesichts meiner frisch entfachten Fußballbegeisterung im Alter von 10 Jahren und der gerade gewonnenen Europameisterschaft in England kam für mich natürlich nur ein Thema in Frage. So erzählte ich von einer EM der ganz besonderen Art. Aber beginnen wir von vorn:

Juni 1996, kurz vor Turnierbeginn. Das DFB-Team befand sich im Mannschaftsbus auf seiner Reise von Frankfurt auf die britische Insel. Einige Kilometer vor Calais, irgendwo in Belgien, legte der Tross um Berti Vogts einen Zwischenstopp auf einer Autobahn-Raststätte ein. Pinkelpause. Wie es der Zufall so wollte, trafen gleichzeitig auch der tschechische und der kroatische Mannschaftsbus auf dem selben Rastplatz ein. Von nun an überschlugen sich die Ereignisse.

Die Hymnen wurden gesungen, es wurde sich noch ein letztes Mal warm gemacht und gedehnt, und dann begann sie: Die Pinkel-Europameisterschaft. Die Teams lieferten sich ein Kopf-an-Kopf Rennen in den vier Disziplinen Weitpinkeln, Hochpinkeln, Zielpinkeln und Langpinkeln auf Zeit. Die Gegner legten gut vor, allen voran der Kroate Davor Šuker war kaum aufzuhalten. Bei den Tschechen zog Pavel Nedvěd die Fäden.

Aber was war mit den Deutschen los? Fredi Bobic verfehlte dauernd das Ziel und Andi Möller brach in Tränen aus, weil er nicht konnte. Einziger Hoffnungsträger war Mario Basler, mit seiner phänomenalen Bogenlampe erwies er sich als unschlagbarer Gegner im Hochpinkeln. Außerdem war seine Blase dank des permanenten Bierkonsums auf der Fahrt bis zum Bersten gefüllt, so dass er die deutsche Auswahl auch im Langpinkeln auf Zeit in Führung bringen konnte. Doch dieser Vorsprung hielt nicht lang, der Schalker Jiří Němec und der Lauterer Stürmer Pavel Kuka legten im Weitpinkeln nach und besorgten das Unentschieden für die Tschechen.

Verlängerung. Beide Teams wurden von Krämpfen geplagt. Nichts ging mehr. Berti Vogts lief ratlos in seiner Coaching Zone auf und ab. Wen konnte er noch bringen? Doch dann! Was war das? Ein Poltern aus Richtung des DFB-Busses zog die Aufmerksamkeit des Trainers auf sich. Es war Thomas Häßler, der mit seinen 1 Meter 66 im Gepäckfach mitfuhr und den man dort völlig vergessen hatte. Icke Häßler war noch frisch und hatte mächtig Druck hinter den Bällen. Dies bedeutete den Sieg für die Deutsche Nationalmannschaft!

Leider bekam ich für diese Arbeit nur eine skandalöse 2. Meine Deutschlehrerin verkannte meinen literarischen Geniestreich, weil sie von Fußball ungefähr so viel Ahnung hatte wie ich von französischer Nachkriegsliteratur.

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