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Ich habe es immer ein wenig belächelt, wenn Leute Experimente á la “1 Monat ohne Internet” oder dergleichen gestartet haben. ‘Wem wollen die damit eigentlich was beweisen?’ dachte ich, und vor allem: ‘Was?’. Wenn sie weniger Zeit in sozialen Netzwerken vertrödeln wollen, dann sollen sie doch einfach fernbleiben, ohne diese Radikalkur, war meine Ansicht. Es ist ja nicht so, dass es den Körper zerstören würde wie diverse andere, weit verbreitete Laster, die aufzugeben einen nachvollziehbaren Schritt darstellt.

Aber ich glaube, ich habe den Wert dieser neuen Sehnsucht nach Offlinezeit, den Gehalt dieser wertvollen Erfahrung langsam verstanden. Ich war fünf Tage auf der Fusion. Ich hätte mobilen Datenempfang gehabt, aber ich hatte kein Bedürfnis nach Internet, weil um mich herum mehr als genug andere, sehr reale Dinge passierten und Unmengen an Eindrücken auf mich niederprasselten. Da hatte beispielsweise Twitter keinen Platz, obwohl ich mir genau diesen Platz über Jahre fast ohne Unterbrechung selbst schaffte und schaffen wollte. Hinzu kommt, dass ich mich seit Anfang des Jahres auch beruflich jeden Tag in sozialen Netzwerken bewege und diese Offlineperiode echten Urlaub vom Alltag darstellte. Die Fusion war also die richtige Umgebung für einen kalten Entzug von der permanenten Erreichbarkeit und Sendefähigkeit. Es war ein interessanter Perspektivenwechsel, der nachhaltigen Eindruck bei mir hinterließ. Weg vom Erleben um des Reproduzierens und Mitteilens Willen, hin zum Erleben um des Erlebens Willen, nur für mich und die Menschen in meinem nächsten Umfeld. Das klingt esoterisch aufgeladen, aber ich hab mich dadurch sehr nah bei mir selbst gefühlt, obwohl ich vorher immer dachte, diese Vergegenständlichung meiner Selbst durch das Schreiben und Produzieren von Inhalt für Andere würde mich mir selbst näher bringen. Das funktioniert auch, doch die völlige Abwesenheit dieses permanenten “Übersetzungsdrucks” empfand ich als sehr befreiend. Diese Momente sind selten geworden und ich würde es begrüßen, dauerte dieser Zustand noch etwas an, bevor die alte Routine wieder zuschnappt und ich dem Netz unbedingt mitteilen muss, was mir gerade pfiffiges durch den Kopf ging oder ich beispielsweise einen Blogeintrag über Offlinesehnsucht schreibe.

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