This ain’t a blog for the broken-hearted

Jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit komme ich an einem parkenden VW Golf vorbei. Das ist deshalb bemerkenswert, weil kein anderes Auto auf dieser Strecke so beschissen in einer Kurve steht und mich als Radfahrer nötigt, ein riskantes Manöver zwischen Rückspiegel, Tramschiene und hinter mir heranrollendem Verkehr hinzulegen. Ferner wurde es seit Monaten nicht von der Stelle bewegt, was die Frage nach seinem Sinn als Fortbewegungsmittel aufwirft. Und es besitzt, was für mich persönlich sein prägnantestes Alleinstellungsmerkmal darstellt, einen Bon Jovi Aufkleber am Heck, dem ich jeden Morgen einen ausgeprägten und mich innerlich zersetzenden “It’s my life”-Ohrwurm zu verdanken habe. Zumindest dachte ich lange Zeit, es handle sich um einen Aufkleber, bis mir bewusst wurde, dass es stets VW Golfse sind, die diesen Schriftzug stolz mit sich herumtragen. Zufall? Es war irgendwann so auffällig, dass ich mir die Antwort auf dieses Mysterium ergoogelte:

Im Laufe der 90’er Jahre erschienen Sondereditionen des VW Golf III mit aufgedruckten Bandnamen. So sollten die Golf-Modelle Pink Floyd, Genesis, Rolling Stones und eben Bon Jovi neue Zielgruppen und Absatzmärkte erobern. Während Pink Floyd, Genesis und die Stones in Ligen jenseits von Gut und Böse spiel(t)en, erschließt sich mir diese Sache mit Bon Jovi nicht so ganz. Jedes Mal, wenn ich an besagtem Auto vorbeifahre, erscheint eine Männerdauerwelle mit Ohrring vor meinem geistigen Auge, streckt ihren Zeigefinger in meine Richtung und presst mir die Textzeile “this ain’t a song for the broken-hearted” affektiert-kopfnickend ins Gesicht. Jon Bon Jovi, der fleischgewordene 80’er-Softporno “junggebliebener” Muttchen, die an Junggesellinnenabschieden in Mottoshirts über die Reeperbahn torkeln. Jon Bon Jovi, der eigentlich Bongiovi heißt, was allerdings nur leider keine Sau in Amerika aussprechen kann. Jon Bon Jovi, Schutzpatron aller Mittvierziger ohne erkennbaren Musikgeschmack, die irgendwann im Laufe ihres Lebens ihre Eier verloren haben und heute das Autoradio lauter drehen, wenn Adil Tawil seine Lieder singt. Jon Bon Jovi, der eine ganze Staffel lang einen völlig deplatzierten Klempner bei Ally McBeal spielte. Bei diesem dämlichen Xbox-Rock Band Spiel hatte ich mal in der schwierigsten Stufe 99% eines Bon Jovi Songs am Schlagzeug richtig gespielt. Das eine Prozent ging flöten, weil ich zwischendurch an meinem Bier nippte. Doch allem Hohn zum Trotz, eins muss man ihm und seiner Band lassen: einen mehr oder weniger nachvollziehbaren Kultstatus.

Es drängt sich mir die Frage auf, wen VW heute auf seine Hecks drucken würde? Ließe sich die junge, dynamische Generation mit einem Unheilig-Golf oder gar einer Nickelback-Edition für sich gewinnen? Oder Coldplay? Scooter!? Gibt es heutzutage überhaupt noch Bands, über deren Beschissenheit die breite Öffentlichkeit nicht schon während des Zenits ihrer Karriere überein gekommen ist? Hätte dieser Marketingschachzug im Zeitalter des Heckscheibenaufklebers überhaupt noch eine nennenswerte Relevanz? Werde ich den allmorgendlichen “It’s my life”-Terror irgendwann los, oder kommt der Ohrwurm auch noch, wenn das Auto irgendwann nicht mehr an seinem Platz steht, ich aber automatisch an Bon Jovi denken muss, wenn ich die Stelle in der Stahlheimer Straße passiere? Habt Ihr jetzt für den Rest des Abends einen “It’s my life”-Ohrwurm? Fragen über Fragen, aber eins steht fest: My heart is like an open highway. (Ein Vergleich wie in Stein gemeißelt. Meisterwerk.)

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2 responses to “This ain’t a blog for the broken-hearted”

  1. tux. says :

    Genesis? Puh. Ernsthaft?

  2. krayt says :

    einmal mehr: amen.
    und den vw golf “goldene zitronen” oder “eisenpimmel” würde ich schon mal preislich abchecken.

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