Dies ist kein politischer Text

Einstige Tabuthemen wie beispielsweise Homosexualität sind heute in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ein Thema jedoch ruft immer noch betretenes Schweigen hervor, gilt als Übertretung einer Grenze zur sensiblen Privatsphäre: Die Frage, was man gewählt hat.

Selten erlebt man eine derartige Diskrepanz zwischen Transparenzforderungen an die Politik und Verschwiegenheit die eigene Wahl betreffend. “Geh wählen!” wird jedes Mal wieder zum imperativischen Gruppenzwang hochstilisiert, ein echter Diskurs jedoch findet nicht statt, “muss doch jeder selbst entscheiden”, und so sicher wie die Stimmungsmache im Vorfeld ist auch die Tatsache, dass am Ende niemand mit dem Ergebnis zufrieden ist. Aber mit welchem Ergebnis wäre “man” denn zufrieden?

Man redet, beispielsweise im Kollegenkreis, über die Wahl, ja sogar darüber, ob man denn wählen war, harte Fakten jedoch werden überhaupt nicht angesprochen. Als ginge es um sexuelle Vorlieben oder ähnliches, als wäre es eine riesige, grenzüberschreitende Zumutung, jemanden zu fragen, wo er denn sein dämliches Kreuz hingesetzt hat. Wovor hat man Angst? Ausgrenzung, wenn man mit seiner Ansicht im jeweiligen Umfeld abweicht? Entspricht das dem demokratischen Grundgedanken?

Ich weiß nicht, was es ist, das uns Deutsche so sehr davor zurückschrecken lässt, offen mit unseren politischen Tendenzen umzugehen. Natürlich drängt sich hier unsere große Erbschuld auf, der eine große Fehler vor 80 Jahren, der die Welt in den Abgrund stürzte und unser kollektives Bewusstsein nachhaltig verstörte. Aber ist es nicht gerade deshalb an der Zeit, mit diesem wichtigen Thema aus der kollektiven Deckung hervorzutreten und den Diskurs mit Familie, Freunden und Bekannten zu suchen?

Ich persönlich habe, seit ich wahlberechtigt bin, ein riesiges Problem und es wird mit zunehmendem Alter nicht besser. Ich habe jedes Mal aufs Neue nicht die geringste Ahnung, was ich wählen soll. Ich schäme mich nicht dafür, gerade in Anbetracht der Tatsache, dass ich mich tatsächlich immer wieder zwinge, mich zu informieren und dementsprechend zu positionieren. Aber es funktioniert nicht. Ist das möglicherweise eine Ursache für die Tabuisierung dieses Themas? Will man in seiner Ahnungslosigkeit nicht bloßgestellt werden?

Sobald man bewusst versucht, sein Leben auch fernab von politischen Themen unabhängig von jeglichem ideologischen Denken zu gestalten (was natürlich nie ganz gelingt, aber ich halte es für sehr wertvoll, diesen Punkt immer wieder zu reflektieren), fällt man im Grunde aus diesem ganzen Politiktheater raus. Als fragte der Türsteher “Rechts, links, konservativ, liberal?” – “Äähhh …” – “Sorry, kein Zutritt.”

Das erinnert mich an eine Mitfahrgelegenheit vor einigen Jahren, als ich jemandem erzählte, dass ich Philosophie studiere, und er mich allen Ernstes fragte, was ich denn wäre – Rationalist? Empirist? Phänomenologe? etc. Ich war völlig perplex. Warum sollte ich selbst Stellung beziehen, mich in eine Strömung einordnen, wenn ich mich mit dem gesamten Themenkomplex befasse? Warum muss ich links, rechts oder mittig sein? Was bin ich, wenn mir alle Parteien auf den Sack gehen? “Oben”? “Unten”?

Ich verstehe nicht, warum sich niemand eingesteht, politisch völlig überfordert zu sein. Geht es tatsächlich nur mir so? Wählen etwa alle aus tiefster Überzeugung? Oder weil Papi auch zeitlebens ein Soze war? Oder weil man als guter Christ die Union zu wählen hat? (WTF) Oder taktisch, um die Opposition zu stärken? Und, noch viel fundamentaler: Glauben wirklich alle, der Ausgang einer Wahl hätte tatsächlich in irgendeiner Form Einfluss auf das von Machtinteressen, Korruption und Lobbyismus unterwanderte Weltgeschehen?

Ich bin durchaus auch schon mal der Urne ferngeblieben und schäme mich auch dafür nicht. Diese moralisch überhebliche Diffamierung aller Nichtwähler geht mir im Übrigen ziemlich auf die Eier. Denn Nichtwählen heißt nicht zwangsläufig, sich nicht für das Weltgeschehen zu interessieren oder die hart erkämpfte Errungenschaft namens “Demokratie” mit Füßen zu treten. Nichtwählen heißt manchmal eben auch nur Resignation vor dem korrumpierten System. Man kann sich über den Nutzen dieser Form des Protests sicherlich streiten, aber ein wirklich reflektiertes “Leckt mich. Leckt mich doch einfach.” halte ich nicht für moralisch verwerflicher als einen ideologisch verblendeten Mutti-Merkel-Wähler.

Dieser Text hat so wenig roten Faden wie meine politische Einstellung, aber möglicherweise kommt sie dadurch ja ganz authentisch rüber. Ich habe am 25. Mai übrigens Links gewählt. Nicht weil ich besonders links bin, sondern weil ich es dieses Mal anhängig von der Positionierung zu TTIP und Snowden gemacht habe. Und weil ich die Linke immer noch für eine der wenigen Oppositionsparteien halte, die tatsächlich mal unangenehme Fragen stellt. Wenn jetzt jedoch der nächstbeste übermotivierte PoWi-Student um die Ecke kommt und mich vom Gegenteil überzeugen will, werde ich mich mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit tatsächlich überzeugen lassen, statt in irgendeiner Form persönlich verletzt zu reagieren und meinen “Standpunkt” zu verteidigen. Ich habe nämlich überhaupt keine Ahnung von diesem ganzen Zirkus und, unter uns, er geht mir irgendwie auch komplett an meinem fetten Westeuropäerarsch vorbei.

Macht mich dieses Desinteresse zu einem schlechteren Menschen? Es macht mich zumindest manchmal zu einem glücklicheren. Ich wünsche Euch einen schönen Feiertag. Macht Euch keinen Kopp, sondern irgendwas Nettes.

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