Menschen prallen aneinander ab und nennen das Wärme

Er stand an irgendeinem Wochentag mitten in der Nacht an irgendeinem S-Bahnsteig und sah eine Gruppe junger Leute in einem Kreis stehen. Im Grunde beschäftigte ihn dieses Bild nicht weiter. Ein paar Bekannte, die nachts um die Häuser ziehen und etwas Spaß haben, wie man das in dieser Stadt nun mal so macht. Doch ihm würde plötzlich klar: Er kannte diese Situation. Er kannte sie nur zu gut und in ihm breitete sich tiefes Unbehagen aus. Er beobachtete.
Sechs oder sieben Leute, etwa Anfang zwanzig. Genau die Gruppengröße, in der sich zwei, drei Wortführer herauskristallisieren, die aber dennoch nicht verhindern können, dass man die meiste Zeit des Abends aufgrund nerviger Gruppendynamiken nur irgendwo rumsteht und wartet, weil sieben Personen sieben verschiedene Vorstellungen eines super mega perfekten Partyabends in Berlin, sieben verschiedene Klogangrhythmen und sieben verschiedene Orientierungssinne mitbringen, die unter einen Konsens zu bringen quasi unmöglich erscheint. Sie kannten sich noch nicht gut, klammerten sich an ihre Getränke mit wenig Alkoholanteil und lachten unpassend laut über schlechte Scherze. Niemand sieht ihr Unglück, dachte er, ihre tief verwurzelte zwischenmenschliche Verzweiflung, wenn sie einem dort begegnen, auf diesem Bahnsteig, in dieser typischen Kreisformation, wie sie Grüppchen nachts auf Bahnsteigen bilden, auf den Zug wartend, der sie in die nächste Kneipe ohne Tapete bringen wird. Nicht mal sie selbst. Sie werden diese Zeit als “geilen Abend” abspeichern, lasst das irgendwann mal wieder machen, war le-gen-där, wir schreiben uns bei Whatsapp! Diese empathische Dauerbelastung, die ihm dort ins Auge sprang, wird schon längst von den Betroffenen als Normalzustand betrachtet. Das ständige Überprüfen des Lässigkeitsgrads der Körperhaltung. Die ständige Jagd nach dem nächsten Kommentar, der die sechs anderen zum Lachen bringen soll, wenigstens jedoch einen einzigen, dessen bestätigenden Blickkontakt man dann sucht. Die Themen ohne Mehrwehrt, in die man sich begeistert reinsteigert, Hamburg ist ja auch ne tolle Stadt, bisschen teuer, in Australien war ich auch schon mal, guckst du Breaking Bad? Menschen prallen aneinander ab und nennen das Wärme.
Er stieg in die Bahn. Glücklich.

Advertisements

One response to “Menschen prallen aneinander ab und nennen das Wärme”

  1. Lusianne says :

    Sehr gut beobachtet, ja Leute mit so einer Vergangenheit wie deine können das vielleicht gut.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: