Eine Lanze für den Techno

Die große Sparte der elektronischen Tanzmusik besitzt noch immer einen miesen Ruf. Häufig wird der Sammelbegriff “Techno” mit diesem schlecht dahingerotzen Bassgeballer gleichgesetzt, das aus tiefergelegten VW-Golfs mit Neumünsteraner Nummernschild herauswummert. Wie ist das möglich, in einer musikalischen Popkultur, in der kaum noch ein Chartsong ohne stampfenden Four-to-the-Floor-Beat auskommt? Liegt es am (falschen) öffentlichen Bild des “Ravers”? Diese Ignoranz ärgert mich.
Parallelen zum Fußball drängen sich auf. Dieser hochinteressante, schnelle, von Athletik, Taktik und Virtuosität geprägte Sport wird als irgendwie unterbelichtet, gar peinlich angesehen. Opium der bildungsfernen Schicht. Mag sein, dass bierbäuchige Jeansjackenträger mit Schnauzer und dümmlicher Mundart das Bild des gemeinen Fußballfans prägen. Mag auch sein, dass viele gewaltbereiten Vollspacken ihre Aggressionen in irgendeinem verschwurbelten Fan- und Rivalitätsgedanken manifestieren. Macht das die Sportart an sich zu einer schlechteren Sache?
Dem Techno werden zweierlei Vorurteile entgegengebracht. Erstens: Er sei die Musik einer hedonistischen, unmusikalischen Minderheit, die nur auf Pillchen Spaß haben kann, dafür dann aber drei Tage lang. Zweitens: Er sei gar keine “richtige” Musik, man müsse nur ein paar Knöpfchen drücken, damits bumm bumm bumm macht, fertig.
Ich kann diese Vorurteile nur aus einer sehr persönlichen Perspektive heraus entkräften, doch ich weiß von vielen Menschen, dass es ihnen genau so geht:
Ja, ich fahr auch dieses Jahr auf die Fusion. Ich zieh mir dafür aber keine Glitzerklamotten an und schmeiß mir nicht drei Tage lang irgendeine Rotze ein, um geil nonstop an der Turmbühne rumzueiern. Ich fahre wegen der außerordentlich liebevollen Atmosphäre und der tollen Musik nach Lärz. Ich habe viele Jahre lang nur Gitarrenmusik gehört und mich ausgiebig mit progressiven Songstrukturen beschäftigt. Der Übergang zur elektronischen Musik war ein fließender, aber beständiger. Tool, Radiohead, The Mars Volta und wie sie alle heißen, sind göttlich. Ich konnte mich aber irgendwann nicht mehr dauerhaft dieser emotionalen Belastung aussetzen. Techno mag gefühlskalt erscheinen, aber die Brillanz eines gut gemachten Tracks macht mich körperlich glücklich. Ich muss dazu nicht tanzen, ich kann mir auch ein gut gemachtes Set anhören wie ein Pink Floyd Album. Die Tiefe des Sounds und die Dramaturgie eines spannenden Trackgerüsts machen mich Lächeln. Ein guter Drop erzeugt ein Gänsehautgewitter. Die Monotonie des Vierviertels ist nur eine oberflächliche. Wer den Techno als unmusikalisch abstempelt, ohne die Rafinessen der Klangfarbenverschiebung, ohne die Feinheiten in der Entwicklung eines Themas heraushören zu können, sollte mit seinem Urteil sehr sehr vorsichtig sein. Ich will hier nicht versuchen, Geschmacksdiskussionen auf eine objektive Ebene zu hieven. Ich will nur eine Lanze brechen. Ähnliche Beispiele wie die angehängten Links sind höchst willkommen! ❤

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