Uelzen

Wenn man Zeit aber kein Geld hat kommt man eben auf solche Ideen, wie beispielsweise mit einem Quer-durchs-Land-Ticket – sprich: ausschließlich Bimmelbahnen – aus dem Schwarzwald nach Kiel zu fahren. So ergab es sich, dass ich bei einem äußerst willkommenen dreiviertelstündigen Aufenthalt in Uelzen (wer will nach 10 Stunden Fahrt nicht gern mal eine Dreiviertelstunde in Uelzen verbringen?) endlich mal die Chance nutzen konnte, mir diesen sagenumwobenen Uelzener Hundertwasserbahnhof anzusehen. “Ich komme ursprünglich aus Uelzen.” – “Da ist doch dieser Hundertwasserbahnhof, oder?” ist eine der klassischsten WG-Party-Konversationen, gleich nach Smalltalk übers Studium und dicht gefolgt von … Smalltalk übers Studium, sofern denn jemand anwesend ist, der tatsächlich ursprünglich aus Uelzen kommt, falls nicht, sind diese klassischen Konversationen auf WG-Parties eben noch etwas eintöniger. Wie man sich wohl als Uelzener fühlt, so völlig reduziert auf diesen dämlichen Bahnhof? Uelzen und sein Bahnhof, das ist noch schlimmer als Lübeck und sein Marzipan, Wuppertal und seine Schwebebahn, ja gar schlimmer als Rostock und seine Nazis. Doch wenn er denn wenigstens tatsächlich spektakulär wäre! Der Uelzener Bahnhof ist nichts weiter als ein Niedersächsischer Funktionsbau mit ein paar ikonischen Zwiebeltürmchen im Hundertwasserstil. Als würde man irgendwo Koriander ran machen, damit’s irgendwie asiatisch schmeckt. Oder eine Steeldrum verwenden, damit auch ja Hawaiiflair entsteht. Guckt mal, Zwiebeltürmchen – voll hundertwassermäßig! Erbärmlich.

Dennoch, dieser Uelzener Hundertwasserbahnhof hatte auch einen Kiosk, gleich neben irgendeiner unmotiviert dahinplätschernden Wasserinstallation im Hundertwasserstil gelegen, und dieser Kiosk hatte Bier und Bier war dringend nötig nach 10 Stunden Bimmelbahnfahrt durch Deutschland. Im anfahrenden Zug machte ich mich daran, die erste Flasche mangels Feuerzeug oder vergleichbarem Gegenstand mithilfe der zweiten zu öffnen, was in Anbetracht meiner der vorangegangenen 10 Stunden Herumsitzen sowie einer weiteren Dreiviertelstunde Aufenthalt in diesem fürchterlichen Uelzener Hundertwasserbahnhof geschuldeten motorischen Unfähigkeit nur mangelhaft gelang: das zweite, als Öffner missbrauchte Bier, öffnete sich ebenfalls. Das ist ein one-in-a-thousand-shot, aber er passierte, was zur Folge hatte, dass ich BEIDE Bier vor den Augen zweier Sicherheitsangestellten mit der Ausstrahlung zweier etwas dümmlichen Dorfpolizisten eines schlechten Sat1-Komödchens, die mich erst zu einer Geldstrafe verdonnern wollten, denn ich befand mich im METRONOM, wo dank zahlreicher Piktogramme klar erkennbar sei, dass Alkoholkonsum strikt untersagt wäre, was ich aufgrund meiner vorangegangenen 10 Stunden Bahnfahrt sowie der weiteren Dreiviertelstunde Aufenthalt in diesem fürchterlichen Uelzener Hundertwasserbahnhof schlicht und ergreifend nicht aufzunehmen in der Lage war, im Zugklo restlos auszukippen hatte.

“Die Zweite auch?” (Ich hatte den abgehebelten, jedoch sichtbar verbogenen Kronkorken provisorisch wieder auf die Flasche geploppt, um gröbstem Kohlensäureverlust entgegenzuwirken)

“Die Zweite auch. Is ja offen. Wir gehen hier nich eher weg!”

Niemals werde ich das Geräusch der Toilettenspülung vergessen. Das war der entwürdigendste Moment meines Lebens. Noch entwürdigender als der Moment, als ich meinen Kaugummi in einen Abfallbehälter spucken wollte und aus Versehen meine Philosophiedozentin direkt vor mir in der Schlange vorm Pfandautomaten traf. Aber das ist eine andere Geschichte.

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2 responses to “Uelzen”

  1. Phil Eulenspiegel says :

    Nicht zuletzt, weil Uelzen zu meinem Heimatwahlkreis gehört, kenne ich die Stadt einigermaßen. Und es gibt dort tatsächlich nichts Interessanteres als diesen Bahnhof, was wohl auch der Grund dafür ist, dass dort soviel Sicherheitspersonal schwadroniert, damit ja keine Kippe auf dem Bahnsteig geraucht wird. Dazu noch diese beschissenen Metronom-Züge, die sich m. E. zur Bahn verhalten, wie N24 zu Phoenix. Die Ewigkeit auf diesem Bahnhof oder in einem IKEA verbringen zu müssen: Ich wüßte nicht was schlimmer wäre.

  2. twitgeridoo says :

    Hachja, ich war auch schon mal in Uelzen. Du sagst es.. 😀

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