Über Twitter und das Erwachsensein

Als ich gerade KatiKuerschs Sailor Moon-Tweet las, ist mir etwas bewusst geworden. Ich habe schon lange nach unser aller gemeinsamem Nenner gesucht und glaube, ihn soeben gefunden zu haben: Wir werden uns jeden Tag aufs neue unseres Status als Erwachsene bewusst. Und das überfordert uns. Twitter ist das Sprachrohr einer Generation von Spätzündern.

Unsere Eltern und Großeltern hatten gar keine Zeit für ein derartiges Maß an Selbstreflexion. Abschluss, Beruf, Heirat, Kinder – ein straightes Gleisbettleben, den Blick nach vorn gerichtet, höchstens noch mit Halt in Kassel-Wilhelmshöhe. Wir hingegen haben auf der Regionalbahnfahrt bis zum Umstieg in Bad Kleinen reichlich Zeit, uns die Pampa anzusehen, in die wir hineingeboren sind, reichlich Zeit, über unsere eigene Stellung in dieser Gesellschaft nachzudenken.

Selbst die zahlreichen Menschen bei Twitter, die mittlerweile Eltern sind, kokettieren eher mit dieser Tatsache, als sie als völlige Normalität ihrer Lebenswelt anzusehen. Man freut sich halt, wenn die Kleinen im Bett sind, damit man endlich alleine mit der Playmobil Ritterburg spielen kann. Twitter ist das Sprachrohr erwachsener Kinder.

Möglicherweise stellt unsere Generation ein Zwischenstadium dar. Die Zielstrebigkeit heutiger Abiturienten, der seit langem zurechtgelegte Lebensplan heutiger Studienanfänger bestärkt diese Theorie. Als ich kürzlich einen Erste Hilfe Kurs belegte, unterhielten sich die 17-jährigen Schüler in der Pause über ihre steilen Karrierechancen. Ich rauchte eine mit den drei anwesenden Hartz-IV Muttis.

https://twitter.com/schurrimurri/status/406448294504955904

Wie auch immer unser aller Lebensweg bisher aussah, ich glaube, wir vermissen einen bestimmten Punkt. Wir vermissen so eine Art erlebte Schwelle, an der es hieß: So, viel Spaß da draußen, du bist jetzt erwachsen. Das Abitur, die erste eigene Wohnung, selbst der Studienabschluss: All das hat dieses Gefühl nicht auszulösen vermocht. Ich gehe auf die 30 zu, bin studierter Geisteswissenschaftler, lache mich über Spongebob kaputt und habe letztes Wochenende nach 2 1/2 Flaschen Wein mitten auf den Jungfernstieg gepinkelt. Ich glaube, das (oder immerhin so ähnlich) haben viele von uns gemeinsam.

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9 responses to “Über Twitter und das Erwachsensein”

  1. Keksi says :

    Reblogged this on breathe. and commented:
    auf den .

  2. Dennis Traub says :

    Wie wahr. Und auch mit 40 gehts mir kein Stück anders.

  3. Marc says :

    Danke für diesen wunderbaren Text, in dem ich mich als 38-jähriger perfekt wiederfinde 🙂

  4. Sam Subotic says :

    Geht mir auch so. Und ich fühl mich wohl so. 🙂

  5. Snake says :

    Twitter ist eine Plattform und keine Community. Mag ja sein, dass deine Erkenntnisse auf deine Filterbubble zutrifft. Die Erfahrungen anderer Nutzer können ganz anders sein. Solche Aussagen über Twitter-Nutzer sind in etwa so sinnvoll wie Aussagen über Email-Benutzer.

  6. rollinger says :

    Hm ich bin fast 50, wandere fast jedes Wochenende mit Kinder und Freunden um uns dann auf der Wanderhütte mit Wein gut abzufüllen.
    Im Moment schaue ich Robi-Tobbi und das Fliewatüt.
    Ich/wir reisen wann immer es geht und möglichst seltsam und seltsame Orte. Im Auto mit Zelt und garantiert ohne Wellness.
    Man muss sich nicht als Spätzünder feiern um Twitter zu verstehen, das hat damit nichts zu tun. Es sieht manchmal nur so aus wenn man sich in seiner Blase bewegt.

  7. 1falt says :

    … während sich die, die schon mit 17 alt waren und es noch immer sind, verhalten über Ihren netten Besuch in der Pampa freuen und in der Encyclopädie nachschlagen, was man in so einer Filterbubble denn so trägt, um nicht unangenehm aufzufallen …

  8. Karsten says :

    Moin.
    Prinzipiell seh ich das ähnlich. Ich glaub allerdings, dass das nicht unbedingt ein Phänomen der Neuzeit ist. Natürlich hat der “moderne, arbeitende” Mensch heutzutage viel mehr Zeit und Geld zur Verfügung, um sein Inneres Kind auszuleben, daher ist es wohl heute leichter, das “Erwachsensein” mit Bausparvertrag und Jägerzaun aufzuschieben, aber ich glaube diesen Charakterzug gab es schon immer und wird es immer geben. Es gibt uralte SchwarzWeiss-Fotos, auf denen man “gestandene Männer” beim rumblödeln sieht. Es gab und gibt Entertainer und Schauspieler wie Jerry Lewis, Louis de Funes, Heinz Erhardt, die das “Alberne” perfektionierten und wohl gar nicht anders konnten.
    Nur hat man jetzt grade im Internet und vor allem bei Twitter, wie für so ziemlich alles im Internet, eine Plattform, in der man schneller und konzentrierter auf Gleichgesinnte trifft.
    Wie sich das in Zukunft entwickelt, ob die nächsten Generationen, aufgewachsen mit Pisa und Bologna, wieder “ernsthafter und erwachsender” werden, wird sich erst in Zukunft zeigen. Ich glaube aber eher nicht.

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