Ist das Internet ein Massenmedium?

Die Einordnung des Internets als Massenmedium gestaltet sich schwieriger, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Schon das Fernsehen büßte gegenüber dem Kino eine bestimmte Komponente der Massenhaftigkeit ein: den “Konsum der Massenware durch eine Masse”, denn “durch die Massenproduktion der Empfangsgeräte” war “der kollektive Konsum überflüssig geworden”.[1] Das Gemeinschaftserlebnis fiel weg, der Konsum der Massenware “Fernsehen” geschah allein oder im kleineren Kreis.

Die Nutzungsweise der Inhalte des Internets hat eine weitere Abschwächung des Massencharakters zur Folge: Nicht nur der Konsum durch die Masse, auch die Massenware an sich erfährt eine Aufsplitterung in individuelle Einzelinhalte, welche sich jeder Nutzer selbst einholt beziehungsweise überhaupt erst selbst produziert. Es wird keine Massenware gesendet, die Ware ist in Masse vorhanden und wird vom Nutzer in Eigeninitiative in Anspruch genommen. Jürgen Habermas erkennt ein wesentliches Moment von Massenkultur darin,

[…] daß ihr erweiterter Umsatz durch Anpassung an die Entspannungs- und Unterhaltungsbedürfnisse von Verbrauchergruppen mit relativ niedrigem Bildungsstandard erzielt wird, anstatt umgekehrt das erweiterte Publikum zu einer in ihrer Substanz unversehrten Kultur heranzubilden.[2]

Was der Soziologe und Philosoph hier in verklausuliertem Akademikerdeutsch sagen will, ist, dass Fernsehen verblödet. Den neuen, größeren Empfängerkreisen wird kein kultureller Inhalt geboten, sondern umgekehrt, aufgrund des Bildungsdurchschnitts der Masse, des Bedürfnisses nach Zerstreuung und nicht zuletzt aus wirtschaftlichem Interesse wird der Konsument mit Müll gefüttert.

Die im Zeitalter des Massenmediums Fernsehen verbreiteten massenkulturellen Inhalte, die Habermas hier beschreibt, verlieren ihre Monopolstellung im digitalen Zeitalter. Anpassung von Inhalten findet in dem Maße nicht mehr statt, weil sie in unbegrenzter Menge und dementsprechend in allen erdenklichen Facetten abrufbar sind. Aufgrund der Fülle an Information und der Wahlfreiheit der Nutzer erscheint der Begriff eines Programms einer Massenkultur im Internet unzutreffend.

In engem Zusammenhang damit stehend ergibt der Begriff des Publikums, bisher stets als Kategorie der Empfänger eines Massenmediums vorausgesetzt, als eine Art Internetpublikum kaum mehr Sinn. Folglich stellt Derrick de Kerckhove fest, dass das Fernsehen “die letzte Stufe in der Evolution frontaler und theoretisierender Medien war”[3]. Das Internet ist demgegenüber durch Mitwirkung, Interaktivität und Vernetzung geprägt. Der Nutzer gestaltet aktiv mit anstatt passiv zu konsumieren, als gleichzeitiger Konsument und Produzent wird er zum Prosument[4]. So schreibt de Kerckhove:

Die Hauptaufgabe des Computers besteht darin, die undefinierbare Masse in verschiedene, miteinander vernetzte Interessengruppen aufzuteilen. […] Der “Geschwindigkeitsmensch” löst sich problemlos aus der Masse der Konsumenten und wird zum Produzenten. Er rekonstruiert sich in Kleingruppen, die sich über miteinander verschaltete Computer […] auf dem laufenden halten.[5]

Das Internet als Massenmedium in eine Reihe mit Printmedien, Hörfunk und Fernsehen zu stellen, sozusagen als nächsten Entwicklungsschritt, mutet angesichts dieser Unterschiede anachronistisch an. Seine Struktur zeichnet sich durch “Verfügbarkeit, Aktualität, Kapazität sowie Verknüpfung von Informationen”[6] aus – keines dieser Merkmale ist in vergleichbarem Umfang bei den zahlreichen traditionellen Medien zu finden. Besonders die in der Echtzeit der digitalen Informationsübertragung begründete Aktualität der Inhalte hebt das Internet als Massenmedium von allen anderen ab – es ist stets im Begriff, sich gleichsam selbst zu überholen: “Die permanente Aktualität des Mediums hat unablässige Veralterung des Inhalts zur Folge.”[7] Was man jetzt gerade auf Nachrichtenseiten lesen kann, kommt heute Abend in den Tagesthemen und steht morgen in der Zeitung. Der User wartet nicht, er drückt F5.

Der Publikumsbegriff wurde bereits demontiert, weiterhin fragwürdig in Bezug auf das Internet als Massenmedium ist der Aspekt der Öffentlichkeit. Ein großer Bestandteil der digitalen Vernetzung besteht in privater Korrespondenz, in Nachrichtenverkehr und Austausch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Gerhard Maletzke definiert die Einseitigkeit, also irreversible Rollenverteilung von Sender und Empfänger, als einen entscheidenden Faktor für Massenkommunikation.[8] Diese Bestimmung gilt für die neuen Medien, welche interaktive, interpersonale Kommunikation ermöglichen, als überholt.

Sieht man von anachronistischen Definitionen aus dem Fernsehzeitalter ab, lässt sich das Medium Internet insofern als Massenmedium verstehen, als dass es von stetig wachsenden Teilen der Bevölkerung, also gleichsam massenhaft genutzt wird, zur Kommunikation, Unterhaltung, Bildung und als Informationsquelle, die tief in den Alltag vieler, von de Kerckhove beschriebenen Geschwindigkeitsmenschen hineingreift. Durch seine Omnipräsenz und Abkopplung von einem bestimmten Ort der Empfangsmöglichkeit ist das Internet auf dem Wege, ein einflussreicheres Medium im alltäglichen Zugang zur Welt zu werden als es Print, Funk und Fernsehen zusammengenommen aufgrund ihrer Limitierung von Inhalt und Zugang je vermochten.

In diesem Sinne: Hier ein Video einer süßen Plumploris.


[1] Günther Anders: Die Welt als Phantom und Matrize. Philosophische Betrachtungen über Rundfunk und Fernsehen (1956)

[2] Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft (1962)

[3] Derrick de Kerckhove: Touch versus Vision: Ästhetik neuer Technologien (1993)

[4] Erstmalige Erwähnung des Begriffs bei Alvin Toffler: The Third Wave (1980)

[5] Derrick de Kerckhove: Schriftgeburten (1995)

[6] Beate Hoecker: Mehr Demokratie via Internet? Die Potenziale der digitalen Technik auf dem empirischen Prüfstand (2002)

[7] Herbert Hrachovec: Intimität in der Mailbox (1995)

[8] Siehe Gerhard Maletzke: Psychologie der Massenkommunikation (1963)

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