Netz und Gewebe – Das Internet und das World Wide Web

Folgendes Bild lässt sich von der Stellung des Menschen in der Gesellschaft – oder von der Gesellschaft als einem Gefüge von Menschen – entwerfen: ein Informationen speicherndes und Informationen erzeugendes Gewebe. In diesem Gewebe, das man sich aus Fäden gewoben vorstellen kann, strömen Informationen. Man kann diese Fäden ‘Kanäle’ oder ‘Medien’ nennen. Weiter stelle man sich vor, daß die Fäden sich auf verschiedene Arten kreuzen und daß sich an solchen Kreuzungen Informationen vermengen und stauen.[1]

Das Bild, welches der Medienphilosoph Vilém Flusser hier von der Gesellschaft und den in ihr verwobenen Menschen und Medien entwirft, lässt sich so oder so ähnlich ebenfalls auf das Medium Internet selbst übertragen. Allein die Bezeichnung World Wide Web trägt dieser Gewebemetapher Rechnung. Doch bemerkenswerterweise werden zwei unterschiedliche Bezeichnungen, Netz und Gewebe, synonym für die Sphäre der digitalen Datentransfers verwendet: Das Internet ist – umgangssprachlich – das World Wide Web. Ein weit verbreiteter Irrtum. World Wide Web bezeichnet lediglich das System der über Browser aus dem Internetabrufbaren Webseitendokumente, welche über so genannte Hyperlinks vernetzt sind. Andere Kommunikationskanäle wie E-Mails, viele IRC-Channels oder Chatclients wie beispielsweise Skype gehören nicht zum WWW, gleichwohl sie ihre Daten über das Internet empfangen und senden. Im allgemeinen Sprachgebrauch allerdings werden häufig Internet und WWW, also Netz und Gewebe, gleichgesetzt.

Wie schon das Wort Text auf die Kunst des Webens zurückgeht (lateinisch texere: weben, flechten), so wird dieser Gewebebegriff im World Wide Web, das in hypertextueller Sprache geschrieben ist (HTML = Hypertext Markup Language), auf die Spitze getrieben. Sprache ist eine Textur, ein Gewebe aus Nomen, Adjektiven, Verben, Präpositionen et cetera. Der Hypertext der Webdokumente zeichnet sich gerade durch seine gewebeartige Struktur aus Querverweisen und Knotenpunkten aus.
Ein Netz, exemplarisch ein Fischernetz oder das Netz eines Fußballtores, ist ein grobmaschiges (wie uns Stefan Kießling zeigte: mitunter zu grob), durchgeplantes Gebilde aus einzelnen Stricken, die gleichmäßig übereinandergelegt an ihren Knotenpunkten verknüpft sind. Ein Gewebe bezeichnet in der Textilindustrie ein Flächengebilde, das aus mindestens zwei rechtwinklig miteinander verkreuzten Fadensystemen besteht, im Grunde also einem Netz nicht unähnlich ist. Doch abgesehen von industriell hergestellten Stoffgeweben, können organische Zellgewebe konfus, ungeplant und wirr erscheinen. Nichtsdestotrotz bilden sie ein stabiles, engmaschiges System. Während das Netz Knotenpunkte miteinander verbindet, hat das Gewebe eher den Anschein einer zusammenhängenden Fläche. Die Stabilität, die dem Netz durch seine durchorganisierten Verknüpfungen gegeben sind, erlangt das Gewebe durch dichte Wucherung und unkontrolliertes Wachstum.
In der Biologie besitzen die Zellen eines Gewebes ähnliche Funktionen und bewerkstelligen so gemeinsam die jeweilige Aufgabe. Auch im Gewebe des World Wide Web sind viele vor allem inhaltlich verwandte Dokumente miteinander verknüpft und bilden einen funktionellen Gesamtzusammenhang. Ähnlich wie Wittgenstein Gewissheiten als ein “System von Annahmen”oder “System unserer Erfahrungssätze”definiert[2], die sich gegenseitig stützen, ergibt sich aus dem Gewebecharakter des World Wide Web ein System von Informationen und Verweisen, die sich aufeinander beziehen. Entsteht ein Loch im Gewebe oder löst sich ein Knotenpunkt im Netz, so verliert das Gesamtkonstrukt nicht seine strukturelle Integrität, sondern wird von den umliegenden Maschen getragen. Analog dazu werden im verzweigten Internet Ausfälle durch umliegende, thematisch-informell verwandte Inhalte kompensiert. Musterbeispiele für dieses Phänomen sind sämtliche semilegalen Downloadangebote, die, sofern von Rechtshütern vom Netz genommen, kaum 24 Stunden später, wenn auch unter (völlig!) anderem Namen, quasi unverändert wieder online gehen. Man erinnere sich an den spektakulären Tod der Filmstreamingseite kino.to und die umgehende Geburt vom quasi identischen kinox.to.

Der Netzcharakter des Internets ist ein dreifacher. Er bezieht sich nicht nur auf die durch Hyperlinks, kurz Links, miteinander verwobenen Dokumente des World Wide Web, sondern auch auf die allgemeine Struktur des Mediums selbst. “Das Internet ist kein radikal neues Medium. Es handelt sich vielmehr um ein digitales Geflecht aus bereits bekannten Medien.”[3]In seiner heutigen Form bietet es eine Vernetzung aus Presse, Radio, Fernsehen, Video, Brief, Telegramm und Telefon. Die Neuheit besteht in seiner extremen Multimedialität, der Verbindung bereits bekannter medialer Erscheinungen. Dabei ergibt sich nicht bloß eine reine Summation, 

[…] sondern vielmehr ein hochkomplexes und äußerst sensibel organisiertes Transmedium, in dem sich Aspekte, die wir bisher getrennten Medienwelten zugeordnet haben, miteinander verflechten und durch eine Vielzahl von kleinen Neuerungen und veränderten Nutzungsformen zum Gesamteindruck eines neuen Mediums verdichten.[4]

Schriftverkehr verliert seine zeitliche Distanz, Telefonie gewinnt die optische Dimension dazu, Presse wird jederzeit zugänglich und lässt sich gezielter durchsuchen und die Elemente von Funk und Fernsehen verlieren ihre zeitliche Bestimmtheit – Sendezeiten werden obsolet, das Internet sendet immer, sofern vom Nutzer abgerufen. Textinhalte werden durch Videoformate ergänzt, Videoinhalte durch Textformate gestützt – das Internet, im Wortsinne als Zwischennetz verstanden, vernetzt Inhalte zwischen den bekannten Medienformaten.

Netzcharakter bezieht sich in einer dritten Hinsicht auch und vor allem auf die Vernetzung der Internetnutzer untereinander. “Die primäre Form des Netzgebrauches ist die elektronische Korrespondenz.”[5]Neben der elektronischen Nachrichtenübertragung, E-Mail, Chat et cetera, werden besonders soziale Netzwerke genutzt, um miteinander zu interagieren, Inhalte weiterzuleiten und sich selbst Anderen mitzuteilen. Dieses von Facebook und Co. geprägte Web 2.0, dieses interaktive Mitmachweb, gilt als neue Entwicklungsstufe des Internets, die die digitale Sphäre zunehmend vereinnahmt. Das Web 2.0 ist gleichsam “die nächste Ausbaustufe einer noch immer erst im Entstehen begriffenen, interaktiven Medienumgebung”[6].
Geschäfte werden über elektronische Korrespondenz abgewickelt, Kontakte geknüpft, private Beziehungen durch digitale Kommunikation erweitert: Man vernetzt sich. Ein charakteristisches Moment dieser Kommunikation in sozialen Netzwerken ist, dass sie nicht zwingend zwischen zwei Personen stattfindet, sondern allgemein offen für alle miteinander vernetzten Mitglieder steht.
“The Internet provides, in principle, a horizontal, non-controlled, relatively cheap, channel of communication, from one-to-one as well as from one-to-many.”[7]
Ob unter Freunden, Followernoder in Circles (obwohl, das zählt nicht, Google Plus nutzt keine Sau), die Kommunikation in sozialen Netzwerken läuft nicht linear, wie etwa noch in der Briefform oder beim Telefonat, sondern ist für alle miteinander verbundenen Netzwerknutzer zugänglich, vergleichbar mit einem öffentlichen Aushang in einer Gemeinde. (Oder einer Klowand. Es gibt Menschen, die behaupten, Twitter sei nichts anderes als eine große, digitale Klowand.)
Durch diesen dritten Netzaspekt des Mediums, die Verbreitung elektronischer Korrespondenzen und Vernetzungen unter Privatleuten, entsteht eine Art vernetzte Öffentlichkeit. Private Nutzer interagieren mit anderen (mehr oder weniger freiwillig), beteiligen sich an Forendiskussionen (mehr oder weniger freundlich),schreiben Statusupdates in Netzwerken (mehr oder weniger sinnvoll) oder publizieren Weblogs (mehr oder weniger lesenswert) und bilden somit in ihrer Gesamtheit eine vernetzte Öffentlichkeit, welche mittlerweile von der (etwas weniger vernetzten) Öffentlichkeit offline nicht mehr zu trennen ist. Das Meinungsklima der Öffentlichkeit wird durch die Verbreitung von Beiträgen Einzelner und Diskussionen Vieler im Internet zunehmend beeinflusst. Es steht außer Frage, dass sich hier gesamtgesellschaftliche Chancen einzigartiger Ausmaße eröffnen. In diesem Sinne, hier ein total süßes Katzenvideo:


[1] Vilém Flusser: Glaubensverlust (1978)
[2] Ludwig Wittgenstein: Über Gewißheit (1970)
[3] Mike Sandbothe: Pragmatische Medienphilosophie. Grundlegung einer neuen Disziplin im Zeitalter des Internet (2001)
[4] Ebenda
[5] Kristóf Nyíri: Vernetztes Wissen. Philosophie im Zeitalter des Internets (2004)
[6] Christoph Bieber: Weblogs, Podcasts und die Architektur der Partizipation (2006)
[7] Manuel Castells: The Politics of the Internet I: Computer Networks, Civil Society, and the State (2001)

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