Über die Metaphorik des digitalen Zeitalters

Unsere Alltagssprache ist voller toter Metaphern, also Metaphern, deren metaphorischer Charakter nicht mehr im Sprachgebrauch bewusst mitgedacht wird, wie beispielsweise Baumkrone, Tischbein oder Flussarm. So wie häufig abstrakte und kognitive Vorgänge mithilfe von Metaphern aus der physischen Dingwelt beschrieben werden (Entwicklung, Erregung, etwas reflektieren, etwas erfassen et cetera), greift man gleichfalls bei technischen Erfindungen häufig auf metaphorische Bezeichnungen zurück, da für sie die Sprache fehlt. So schreibt Blumenberg:

Für den Dichter und Künstler war schon in der Antike ein Arsenal von Kategorien und Metaphern, bis ins Anekdotische hinab, bereitgestellt worden […]. Für die herankommende technische Welt stand keine Sprache zur Verfügung, und es versammelten sich hier wohl auch kaum die Menschen, die sie hätten schaffen können.

(Hans Blumenberg: Nachahmung der Natur. Zur Vorgeschichte des schöpferischen Menschen, 1957)

In der begrifflichen Welt der neuen, technischen, digitalen Sphäre bedient man sich dementsprechend häufig an Metaphern aus jener Sphäre, welche ihr geschichtlich vorangeht und phänotypisch am ehesten verwandt ist: der Sphäre des gedruckten Wortes. “Ereignisse im Fluß multimedialer Kommunikation werden in der gedruckten Sprache beschrieben” (Kristóf Nyíri: Vernetztes Wissen. Philosophie im Zeitalter des Internets, 2004). Im World Wide Web, dessen Begriff des Gewebes selbst schon eine Metapher darstellt, besucht man Webseiten. Selbst der durch Umblättern geprägte Seitencharakter des Buches bleibt auf einigen Webseiten, vor allem bei längeren Artikeln, der Übersicht halber bestehen. E-Mails (“elektronische Post”), selbst also begrifflich aus dem Briefwesen entlehnt, werden wie eine Postsendung abgeschickt und empfangen. Dabei entfällt allerdings die zeitliche Distanz zwischen Sendung und Ankunft, elektronische Post wird annähernd in Echtzeit übermittelt, wodurch die Begrifflichkeiten abschicken und empfangen beinahe anachronistische Züge aufweisen.
Auf der Benutzeroberfläche des Computers öffnet man Fenster – man schaut im übertragenen Sinne weniger auf die Oberfläche des Monitors, sondern eher durch diese Fenster hindurch auf die bunte digitale Welt, die sich einem gleichsam mit dem Imperativ “Erkunde mich!” ausbreitet. Fenster jedoch haben zwei Seiten, Innen und Außen, und in Hinblick auf die Auswirkungen der digitalen Vernetzung auf die Sphäre der Privatheit lässt sich die polemische Frage aufwerfen, welche Seite des Browserfensters eigentlich die innere und welche die äußere ist, oder anders: wer hier tatsächlich wen beobachtet.
Man registriert sich in Onlinediensten und meldet sich an beziehungsweise ab, vergleichbar mit einer Mitgliedschaft in einem Verein oder dem Besuch einer Veranstaltung. Man schützt sich mit einer Firewall, einer Art Schutzwall, gegen Viren – digitale Krankheitserreger, welche die Software angreifen.
Die Bezeichnungen online und offline sind gleichsam metaphorische Neologismen, die sich einzig auf die Sphäre des Internets beziehen. Abgeleitet von on the line (etwa: in der Leitung) und off the line (etwa: von der Leitung getrennt) bezeichnen sie jeweils den Zustand, mit dem Internet verbunden oder getrennt zu sein. Bedingt durch die Verbreitung von Flatrates, also permanenten Standleitungen ins Internet, sowie durch die technische Entwicklung und Verbreitung internetfähiger Mobiltelefone, sind die auf das Internet bezogenen Wortneuschöpfungen online und offline selbst schon wieder auf dem Wege, obsolet zu werden. Man geht nicht mehr online, man ist online, und zwar immer und überall. Damit verschwindet allmählich die Negation offline und mit ihr auch die Sinnhaftigkeit der Bezeichnung online.

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