Blick in die Zukunft der Vergangenheit

Verlag Neues Leben, Berlin 1979
In diesem grandiosen Fundstück von 1979 “geben bedeutende sowjetische Wissenschaftler Auskunft über verschiedene Lebensbereiche der Zukunft” und prognostizieren in einem kleinen Kapitelchen namens “Hallo, Südpol! Das Weltinformationssystem” mal eben eine Entwicklung, die unserem heutigen Internet verblüffend nahe kommt. Zudem beschreibt ein kurzer Absatz ziemlich genau das, was uns allen als “Smartphone” geläufig ist. Aber der Reihe nach:
Die Autoren dieses Büchleins (darunter Ökonomen, Ökologen, Physiker, Kommunikationsforscher und ein “Energetiker”) sehen vor allem das zukünftige Arbeitsleben geprägt von einem satellitengestützten Weltinformationssystem, das es jedem Einzelnen ermöglicht, gezielt an bestimmte Daten zu gelangen. Zitat:
An unserem Arbeitsplatz (selbst zu Hause) haben wir eine Fernsehanlage für die Durchsicht der uns interessierenden Materialien. Nach einem Aufruf mittels Videotelefon beim zentralen Informationsdienst erhalten wir dank den superschnellen Bits in den EDVA und einem ausgezeichneten Nachrichtensystem fast augenblicklich auf dem Bildschirm eine erschöpfende Auskunft.
“Zentraler Informationsdienst” – Diese Aufgabe wurde im wild wuchernden, dezentralen Internet anfangs von keiner “zentralen” Institution übernommen. Man könnte behaupten, Google nehme heute diesen Platz ein.
Für die Informationsübertragung seien “breitbandige, schnell arbeitende Nachrichtenkanäle” erforderlich. “Bei der Übertragung innerhalb einer Stadt – in den Grenzen der direkten Sichtweite – [Hallo W-LAN! (Anm. d. Bloggers)] können […] optische Funkverbindungen genutzt werden.” Für ein Weltumspannendes Sendernetz kommen den Autoren ihr geliebter Sputnik und seine zukünftigen Nachfolger zur Hilfe. Weiter im Text:
 
Interessante Illustration
Es ist also vom Prinzip her möglich, einen Informations- und Auskunftsdienst nicht nur für einzelne Länder, sondern einen einheitlichen Dienst für den gesamten Planeten aufzubauen. […] Aber nicht nur den Wissenschaftlern werden diese Nachrichtensysteme einen Dienst erweisen. Jeder Bewohner des Planeten wird leicht und schnell Verbindung zu anderen aufnehmen können. Das Videotelefon (städtisch, interurban, international, kosmisch) wird den Menschen die Verbindung miteinander erleichtern, viele Reisen, Besuche, Korrespondenzen und ähnliches überflüssig werden lassen. Das Weltfernsehen wird vollständige Informationen über die Ereignisse auf dem Planeten ausstrahlen, wird helfen, Sprachen rasch zu erlernen, die Kultur anderer Völker besser zu verstehen.
Stimmt. Nirgendwo habe ich so viel über Amerikaner gelernt, wie auf 9GAG. Kommen wir im Folgenden zum bereits erwähnten, bemerkenswerten Absatz über mobile Endgeräte, die die Verbindung zum prognostizierten Weltnetz überall ermöglichen werden. Im den ganzen Text bestimmenden, starken Bezug zu Arbeitsprozessen und Produktionsoptimierungen schimmert immer wieder der drollige sozialistische Einschlag durch:
Ein Taschenempfänger bzw. -sender von der Größe einer Streichholzschachtel, oder sogar noch kleiner, wird den Kontakt zwischen Mitarbeitern von Betrieben und Werken, zwischen Expeditionsteilnehmern herstellen. Eine telefonische Verbindung ist dann nicht mehr erforderlich. Außerdem ermöglichen es diese Streichholzschachteln, sich über den nächst gelegenen Nachrichtenpunkt im wahrsten Sinne des Wortes “laufend” in das globale Nachrichtensystem einzuschalten. […] Und auch das alles wird dazu beitragen, Zeit einzusparen und die Arbeitsproduktivität zu steigern.
Hört ihr, Samsung? GRÖSSE EINER STREICHHOLZSCHACHTEL! Und dass sowas wie Twitter völlig negative Effekte auf die Arbeitsproduktivität haben wird, konnten die nun beileibe nicht ahnen. Dennoch erstaunt immer wieder die Präzision, mit der hier Entwicklungen vorausgesagt werden:
Somit wird in den kommenden Jahrzehnten auf der Basis eines globalen Satelliten-nachrichtensystems sowie lokaler Systeme mit aller Wahrscheinlichkeit ein einheitliches Informationsfeld rund um unseren Planeten entstehen. Es wird […] seinem Schöpfer gehorchen und den vulkanartigen Strom an Informationen in kleine Portionen “abpacken” und diese jedem nach Wunsch und Bedarf übermitteln. 
Welchen ernsthaften Nutzen können wir nun aus einem 34 Jahre alten, hypothetischen Text über ein 13 Jahre altes Datum ziehen, außer einem kleinen Schmunzeln und aufrichtiger Anerkennung für die Beobachtungsgabe dieser Wissenschaftler? Ich ziehe Demut aus dem Text. Er eröffnet eine erfrischende Perspektive auf unseren technischen und gesellschaftlichen Status Quo, der vor nicht all zu langer Zeit absolute Science-Fiction war. Wir sollten uns vielleicht einfach mal wieder vor Augen führen, welche Möglichkeiten das Internet bietet, bevor wir wieder dazu übergehen, Katzenvideos auf Instagram zu posten. Dazu der letzte Absatz:
Die Informationsbäche, die sich überreich in die Wohnungen ergießen, werden dem Menschen eine große Hilfe sein; der hohe Zeit- und Kraftaufwand für die Suche einer erforderlichen Information entfällt […]. Doch, so meine ich, den größten Einfluß werden sie auf das Lehr- und Bildungssystem ausüben.
Schön wär’s gewesen.
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